Dead Man's Jest

Alles begann mit einer besonders wohlgeformten Wolke

Das Meer erstreckte sich in seiner scheinbaren Unendlichkeit unter ihm und der Himmel in seiner tatsächlichen Unendlichkeit darüber. Schon seit einer unfassbar langen Zeit – es mochten wenige Sekunden oder schon ein paar Stunden sein, was das anging, war Arthur immer etwas verwirrt – tanzte er mit einer besonders wohlgeformten Wolke. So einer von der Sorte, die von weiter weg dicht und kuschelig aussahen, aber in denen man sich auch wunderbar verlieren konnte, die das Licht sanft brachen und noch sanfter im Wild segelten. Doch dann kam eine große Windböe, hatte nicht mal die Höflichkeit, sich vorzustellen, und zerfetzte das wunderbare Gebilde.
So fiel Arthurs Blick nach unten, auf das kleine Boot, das lustig auf den Wellen hüpfte. Weiter hinten segelte ein großer Fischschwarm durch das Wasser und hinter ihm lag die unheimliche Insel mit den vielen düsteren Höhlen. Wenn Arthur einen Rücken gehabt hätte, wäre es ihm schon bei der Erinnerung daran kalt darüber gelaufen. Aber richtig, das Boot. Darin saßen ein paar von diesen solide und irgendwie ulkig geformten Wesen, die er in der letzten Zeit – das waren doch jetzt bestimmt schon ein paar Stunden, oder vielleicht sogar noch länger? – also, die er in letzter Zeit recht lieb gewonnen hatte. Besonders natürlich Min, die als einzige klug genug war, die Sprache des Windes zu sprechen.
Arthur ließ sich in einer eleganten Spirale herab gleiten und ließ es sich bei der Gelegenheit nicht nehmen, das Gefieder einer vorbeifliegenden Möwe neckisch zu verwuscheln und sich köstlich über ihren Schreck zu amüsieren. Lustiger Vogel. Aber richtig, das Boot. Genau. In letzter Zeit – er würde schätzen zwei, drei Jahre, es könnte aber auch weniger sein – hatte Min oft sehr niedergeschlagen ausgesehen. Und das, obwohl sie jetzt viel mehr nette Freunde hatte, als vorher in der stickigen Stadt. Die Frau, die die Luft so schön zum Klingen bringen konnte, der alte Mann, der sich fast unsichtbar machen konnte, der Bogenschütze, der seinen Pfeil immer genau richtig in den Wind zu legen verstand und der große stille Kerl, der scheinbar vor nichts anhatte. Und natürlich ihn selber, Arthur, der das Leben auf dem Meer ganz vergnüglich fand. Es müsste nur mehr Möwen geben.
Als ihn sein Flug nah an das Boot herangeführt hatte, tupfte Arthur ein paar Mal zum Spaß auf den kleinen Wellen auftupfen und fuhr dann durch Mins Haare. Das hatte sie gern. Sie unterhielt sich gerade mit ihren neuen Freunden und zwei weiteren Frauen, die sie alle zusammen aus der Höhle gerettet hatten. Arthur selbst hatte wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Rettungsmission, aber er war ein bescheidenes kleines Elementar und wollte das niemandem unter die Nase reiben. Oh, da war der Fischschwarm wieder! Und wenn sich das Licht so lustig in den Wellen brach, sah er fast aus wie eine wunderbar geformte Wolke. Versunken in die Betrachtung hörte Arthur nur am Rande die Stimmen der Leute auf dem Boot.
»So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen, wir können doch nicht ewig so Leben!«, das war seine Min, »Und ich glaube, ein großer Teil der Crew würde uns unterstützen, wenn wir etwas gegen Mr. Plug unternehmen würden.« Dann erzählte die Frau ohne Schuhe etwas von einer Freundin namens Rosie und dass sie sich Sorgen um Livia mache. Das erregte Arthurs Aufmerksamkeit, denn die Frau mit den Klängen hatte er auch gern. »Aber was sollen wir tun, ihn im Schlaf erdolchen?« »Kommen wir denn da nah genug ran?« »Livia vielleicht schon, aber das wird nicht schön…«. Was hatten die nur alle für ein Problem, wenn sie diesen blöden Mister Plug nicht mochten, sollten sie ihn doch einfach über die Reling schubsen.
»Also ich glaube«, das war wieder seine Min, »wir sollten Mr. Plug offen konfrontieren und der Mannschaft eine Alternative anbieten. Bis auf ein paar treue Lakaien steht doch keiner hinter unserem neuen Kapitän.« Erst sah sie aus und so entschlossen wie schon lange nicht mehr. Das gefiel Arthur. Vielleicht hätte sie dann auch bald mehr Spaß am Schifffahren und sie konnten an schöne Orte segeln. Den Rest der Unterhaltung bekam er dann kaum noch mit, weil er sich in warme Böen, wilde Tornados und laue Sommerlüftchen träumte.
Als Min ihr kleines Elementar in einer nachlässigen acht um ihren Kopf fliegen sah, musste sie trotz der Müdigkeit schmunzeln. Wo Arthur jetzt wohl gerade in seinen Gedanken war? Bekam er überhaupt mit, was mit ihr geschah? Manchmal schien er ihr wie ein weiser alter Mann und dann war er wieder wie ein wilder kleiner Junge, der nur Streiche im Sinn hatte. Es tat gut zu lächeln, auch wenn ihre Lage so ernst war. Nicht nur sie, sondern auch alle ihre Freunde waren nach den Abenteuern auf der Insel erschöpft und angeschlagen. Es war einfach furchtbar, was sie dort erleben mussten. Die Kämpfe mit den Gwendilos waren eine Sache, aber dem falschen Tod wieder und wieder zu begegnen, zu sehen, wozu diese Unmenschen aus Cheliax in der Lage waren. Dem musste jemand ein Ende setzten. Doch wer? Die Staaten rund um das Innere Meer waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hatten viel zu viel Angst vor der Großmacht. Nur die Piraten fügten den Schiffen der düsteren Nekromanten auf Jagd nach den Schätzen dieser reichen Händler immer wieder Schäden zu. Aber was von Piraten zu halten war, wusste sie ja jetzt.
Als das kleine Boot sich seinem Ziel immer weiter näherte schlich sich ein kleines ›obwohl‹ in ihre Gedanken. Nicht alle Piraten waren schlechte Menschen, nicht alle skrupellose Mörder. Nicht wenige hatten diesen Leben gewählt, weil ihnen nichts anderes übrig blieb oder hatten es, genau wie Min und ihre Freunde, überhaupt nicht freiwillig gewählt. Wie könnte es sein, wenn sie Mr. Plug wirklich besiegten? Wohin sollten sie sich dann wenden? Min hatte immer nur das Ziel gehabt, irgendwie wieder nach Hause zu kommen. Aber wollte sie das wirklich? Zurück zu Tanzstunden und Nachmittagskaffee? Zurück zu ihrem Vater, der ihr jeden Schritt vorschreiben wollte, aber als Botschafter für sein Land noch so gut wie nichts erreicht hatte? Und sogar, wenn sie in dieses Leben zurück könnte, wenn sie trotz ihrer neuen Kräfte, trotz der Gefahr, die sie jetzt darstellte, trotz der Tode, die auf ihr Konto gingen, sogar wenn sie wieder in den Schoß ihrer Familie aufgenommen würde – wohin sollten all die anderen Besatzungsmitglieder gehen? Konnten sie einfach aufhören, Piraten zu sein? Könnten sie nicht einen gemeinsamen Weg finden, der wirklich etwas bedeutete?
Doch noch bevor Min ihren Gedanken zu Ende denken konnten, waren sie am Schiff angekommen und Mr. Plugg warf eine Leiter zu ihnen herab. Nach und nach kletterten ihre Freunde nach oben, doch als sie sich über die Reling hieven wollte, lächelte der ›Kapitän‹ sein schmieriges Lächeln und sprach verächtlich auf sie herab: »Du nicht, Wetterhexe, du bleibst hier auf dem Meer, wo du hingehörst. Du bist eine Gefahr für jeden auf dem Schiff.« Da war er also, der alles entscheidende Moment. Min sah sich nach ihren Freunden um. Juri war wie verschwunden, aber sie wusste, dass das ein gutes Zeichen war. Fletcher griff nach seinem Bogen und Knuckles bekam diesen Gesichtsausdruck, der für die Männer vor ihm nichts Gutes verhieß. Livia stand stolz und schön vor Mr. Plug und rief »Ihr hättet uns töten sollen, als ihr die Gelegenheit dazu hattet!« wobei sie ihre Harfe in die Hand nahm. Und dann merkte Min, dass jetzt alle auf sie blickten. Warum denn auf sie? Während der ganzen Reise auf See hatte sie sich schwach und hilflos gefühlt, eingesperrt trotz der Weite des Meeres. Doch sie hatte auch neue Stärke gefunden und neuen Mut. Den musste sie jetzt zusammennehmen.
Es war genauso gekommen, wie sie es wollte. Eine offene Konfrontation, eine freue Wahl für jeden an Bord. Im Stillen dankte sie ihren Vater für all die kleinen Lektionen in Rhetorik und begann zu sprechen. Sie sprach von den Untaten des Kapitäns, von einer besseren Zukunft, die zum Greifen nah sei, von Freiheit, von Beute und von ehrenhaften Zielen. Und dann ging alles ganz schnell, ein riesiger Tumult brach los. Doch Min konnte nicht mehr sehen, wen ihre Worte berührt hatten oder wer sich gegen sie stellen wollte, denn Mr. Plug kam auf sie zu, griff sie an und stürzte mit ihr hinab ins Beiboot.
Wild sauste Arthur herbei und kam gerade noch rechtzeitig, um dem fiesen Kerl seine Peitsche aus der Hand zu hauen, als er auf seine Min fiel. Die Luft knisterte von Mins Magie und über ihnen klang Stahl auf Stahl, hörte man die Schreie der Angreife, die sich mit denen der Verwundeten mischten und den süßen Klang von Livias Harfe. Arthur sauste über das Schiff und wurde nicht schlau aus dem Gewimmel der der Menschen an Bord. Dort, das war doch ein Verbündeter? Und da, das war doch ein Fein? Gut, dann soll ihm der Wind hart ins Gesicht wehen! HA! Wieder saust er zurück zu Min und will ihr Mut zusprechen, dass sich der Kampf zu ihren Gunsten neigt. Sie hat sich unter dem schweren Mann hervorgeschoben, hastet auf die Strickleiter zu, ergreift sie und klettert an Bord. Kurz danach ist alles vorbei. Sie haben gewonnen! Fröhlich schwirrt Arthur um die dicken Schiffstaue, fährt Min durchs Haar und hüpft dann über die Köpfe der Seeleute um sie herum.
»Was soll mit ihm geschehen?«, fragt der dreiste Junge, der seiner Min immer vertraulich zuzwinkert. »Mit ihm geschieht genau das, was er mir antun wollte. Wir lassen ihn hier. Soll er doch auf der wunderbaren Insel sein Glück suchen, auf der er mich aussetzen wollte.« »Dann bist du jetzt der Captain?« fragt einer der Seeleute. Min dreht sich um und schaut den Mann ernst an. Captain? Sie? Was weiß sie schon vom Führen eines Schiffes? Andererseits aber – was könnten sie mit diesem Schiff erreichen? Was könnten sie bewegen? Sie könnten ein Stachel in der Seite der Nekromanten sein, die den falschen Tod in alle Gegenden der Welt trugen. Nicht mehr länger Beute, sondern endlich Jäger sein. Und dann lächelt Min, während eine besonders wohlgeformte Wolke über ihren Köpfen schwebt.

Comments

rabea_kohnen

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.