Dead Man's Jest

Imaginäre Flaschenpost Nummer 148

Lieber Großvater,
manchmal glaube ich, ich bin immer noch in dieser Kiste auf dem Deck des Piratenschiffs und schlicht und einfach durchgedreht. Anders kann ich mir kaum erklären, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. Es muss ein Albtraum sein. Schon seit Stunden waten wir durch immer neue Höhlen voller Unrat, Moder und Wesen, die zwischen Tod und Leben gefangen sind. Es ist widerlich. Und doch schien es der einzige Weg zu sein, unsere Crewmitglieder zu retten. Wenn man bedenkt, dass unter den Gefangenen unsere einzige Heilerin ist, vielleicht sogar der einzige Weg, diese verrückte Reise zu überleben.
Ich hatte dir ja schon lang und breit geschrieben, wie wir auf dem gekaperten Schiff gelandet sind und jetzt unter dem Kommando von Mister Plugg stehen. Es wird dich nicht überraschen zu hören, dass dieser Isilima nicht die geringste Absicht hat, das Schiff nach Port Peril zu steuern… das wäre auch zu schön gewesen. Stattdessen segelt er mit uns von einem Unwetter ins nächste und als wäre das noch nicht genug, hat er das Schiff nachts auf ein Riff gesteuert. Dort wurden wir von seltsamen Meerwesen angegriffen. Die Gwendolins gehen auf Oktopusarmen, sprechen eine rudimentäre aber uns völlig fremde Sprache und sind äußerst aggressiv. Wir mussten also wieder um unser Überleben kämpfen und ich habe versucht den Geist des Kriegers in mir erwachen zu lassen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Zumindest habe ich die Nacht genauso überlebt wie die meisten Menschen, denen ich mich auf diesem Schiff zugehörig fühle. Sandara war jedoch am nächsten Morgen genauso wenig auffindbar wie Sam.
Mit dem Auftrag, auf einer nahe gelegenen Insel Frischwasser zu besorgen, während das Schiff repariert wird, schickte der Möchtegernkapitän dann ausgerechnet Juri, Liam, Livia, Knuckles und mich los. Konnten wir so viel Glück haben und sich hier tatsächlich eine Fluchtmöglichkeit bieten? Zunächst wirkte die Insel wie ein Paradies, zumindest im Vergleich zu einem Leben auf einem Schiff mit skrupellosen Mördern und Folterern. Schon bald aber zeigte sie uns ihr hässliches Gesicht. Mit Mückenschwärmen, Riesenkrebsen und sogar mit den Gwendolins hätten wir uns vielleicht vorrübergehend arrangieren können, aber diese Unmenschen aus Cheliax waren vor uns hier und haben den falschen Tod auch in diesen Winkel der Welt gebracht. Seid wir wissen, dass er sich wie ein Fieber durch die Crew des gestrandeten Schiffen gefressen hat, betrachten wir alle unsere Mückenstiche mit neuer Sorge.
Doch wir schöpften auch neue Hoffnung, als Liam und Juri einen der Gwendolins vor ihrer Höhle mit Sams Hut posieren sah. Konnte es sein, dass Sam und Sandara nicht tot, sondern Gefangene der Wesen waren? Und könnte Sandara uns vor einem Schicksal als Ghoule bewahren? Wir mussten also alles tun, um die beiden zu retten. Und so landeten wir in dieser abscheulichen Höhlenwelt. Es kommt mir vor, als würden wir beständig im Kreis gehen und doch erkenne ich keine Biegung, keine Windung wieder. Tief in meinen Eingeweiden spüre ich die Verzweiflung wachsen. Durch die vielen Kämpfe und Entbehrungen der letzten Tage sind wir alle geschwächt und doch wissen wir, dass die härtesten Prüfungen dieses Tages noch vor uns liegen.
Mein Blick schweift von einem meiner Reisegefährten zum nächsten. Der alte Mann, dessen Hände magisch von jedem Kleinod angezogen werden und der jetzt fest den Rücken durchdrückt, damit wir ihm seine Erschöpfung nicht ansehen. Der freundliche Bogenschütze, der beim Anblick der Ghoule so erbleicht ist, als sähe er in ihnen viel mehr als nur eine Gefahr im hier und jetzt. Die schöne Sängerin, die auch voll von Blut und Schlamm noch Zuversicht auszustrahlen versteht, die uns alle etwas aufrechter gehen lässt. Und der unverwüstliche aber schweigsame Krieger, der schon in so vielen ausweglosen Situationen unsere Rettung war. Wenn ich schon in einem Albtraum gefangen bin, bin ich froh, diese vier bei mir zu haben. Und wenn du mich fragst, ob ich lieber zu meiner Tanzstunde möchte, als mich gemeinsam mit ihnen dem ‚Wal‘ zu stellen, der hinter jeder Biegung lauern kann: Auf gar keinen Fall! Ich muss wirklich verrückt geworden sein.

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rabea_kohnen

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