Dead Man's Jest

umoya ukucula

Die Flammen züngeln blau um die letzten Reste des kleinen Lagerfeuers, an dem der Ongumelaphi der Erumba, Iskaa, die ganze Nacht gesessen hat. Hier, auf einer kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels, fällt es ihm leicht, die Grenzen der Welten zu überwinden, Kontakt herzustellen, mit den Augen der Seele zu sehen. Doch heute Nacht ist sein Geist unruhig gewandert und hat keinen klaren Pfad gefunden. Jetzt ist er sich sicher, dass seine kleine blonde umzukulu nicht nur einen neuen Weg eingeschlagen hat, sondern auch in großer Gefahr ist.
Seine Hände umgreifen den Stab, dessen Verzierungen er selber in seinem langen Leben nach und nach geschnitzt hat. Ein kleines Gürteltier mit etwas verschobenen Proportionen ganz unten repräsentiert seine erste Jagd, ein schon geschickter hergestellter Knoten etwas weiter oben seine Hochzeit, besonders liebevoll gearbeitete Blüten seine drei Kinder, ein kraftlos geschnitzter Stern den Tod seiner Frau und noch weiter oben ein weiterer Knoten, anders als der erste und doch nicht weniger fest geschlungen. In den letzten Wochen hat er oft an den Freund seiner Seele gedacht, Odabio, den Magier ohne Magie, der weit fort in den Norden gegangen ist. So weit fort, um auf ihre kleine umzukulu zu achten.
Gedankenverloren streicht Iskaa mit der Hand über den kleinen Blitz, den er neben Odabios Knoten geschnitzt hat. Auch damals hatte er auf dieser kleinen Klippe gesessen und die ganze Nacht mit seiner umzukulu Min meditiert. Nunja, er hatte meditiert und die kleine Min hatte sich viel Mühe gegeben, ernst und erwachsen auszusehen und nicht einzuschlafen. Doch als es gerade begann, zu dämmern, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und ihr Blick ging in die weite Ferne. Und dann hatte sie in einer Sprache gesprochen, die Iskaa noch nie zuvor gehört hatte. Erst da war ihm aufgefallen, dass der Wind sie anders umwehte, als noch vor wenigen Momenten. Er kam nicht mehr aus Nordwesten, war nicht mehr kalt von der Nacht, sondern sanft und warm wie ein alter Freund. Mins lange blonde Haare wehten sanft um ihren Kopf und in den ersten Sonnenstrahlen des Tages leuchteten ihre blauen Augen wie die Blitze eines noch fernen Gewitters. Da wusste er, dass dieser Moment dazu bestimmt war, nicht vergessen zu werden.
Auf ihrem Weg zurück ins Dorf sprach keiner von ihnen, aber am Abend des gleichen Tages sahen sie sich erneut. Es war Mins zehnter Geburtstag und ihre ganze Familie war aus der Stadt gekommen. Iskaa war mit dem Mädchen in seine Hütte gegangen und hatte mit ihr in das heilige Feuer geblickt, dass seit der Urzeit von einem Ongumelaphi seines Stammes an seinen Nachfolger weitergegeben wurde. Er hatte dem Mädchen fest in die Augen geblickt und noch immer konnte er seine eigenen Worte hören: „Du bist jetzt eine Erumba, Min. Hast du in der letzten Nacht deinen Pfad gefunden?“ „Ich weiß es nicht, umkhulu. Ich habe gemacht, was du gesagt hast: Ich habe mir vorgestellt, wie ich den Weg des Kriegers gehe, den Weg des Fischers, den Weg der Weberin und viele mehr, aber keiner hat mich getragen. Doch dann…“ Sie war verstummt und hatte verlegen in die Flammen geblickt. Nach einer Weile hatte sie ihm fast trotzig in die Augen gesehen und weitergesprochen: „Doch dann ist mir umoya ukucula begegnet, dann hat der Wind zu mir gesprochen. Er hat mir von der Ferne erzählt, von Abenteuern, von der Freiheit. Er hat gesagt, wenn ich ihn in mein Herz lasse, wird er mit mir durch die ganze Welt fliegen.“ „Und, was hast du ihm geantwortet, umzukulu?“ Wieder hatte das Mädchen in die Flammen geblickt, doch hatte sich ihre Miene dieses Mal aufgeheitert, um dann ernst und entschlossen zu werden. „Ich habe ja gesagt, umkhulu. Ich werde den Pfad des Windes gehen, wohin er mich auch weht.“
Jetzt sieht Iskaa Min genau vor sich, hat den Klang ihrer Stimme im Ohr, fühlt ihre Hand auf der seinen, die noch immer den kleinen Blitz umfasst. Und dann ist er nicht mehr auf der kleinen Klippe in der Wärme Sargavas, sondern weit entfernt, in einer Höhle voll mit Wasser. Nein, kein Wasser, oder zumindest nicht nur. Iskaa watet in Leichenteilen, der Gestank der Verwesung beißt in seinem Rachen. Direkt vor ihm kämpfen alptraumhafte Wesen mit einer kleinen Gruppe Menschen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Und dann sieht er sie – seine kleine umzukulu Min. Ihre Haut ist unter Schmutz und Blut viel zu fahl, ein tiefer Schnitt an ihrem Oberarm nur notdürftig verbunden. Alles in ihm schreit, ihr zu Hilfe zu eilen, aber wie immer ist Iskaa nur ein Beobachter, zur Untätigkeit verdammt. Doch dann sieht er, wie Min lächelt und zuerst versteht er nicht. Doch, doch da, wo sie hinsieht, schimmert die Luft, bewegt sich in kleinen Wirbeln um sich selbst, knistert leise vor Energie. Und dann hört er sie wieder in dieser Sprache sprechen, die er nicht versteht, und eine tiefe Zufriedenheit kommt über ihn. Sie hat umoya ukucula wiedergefunden.
Als Iskaa auf der kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels die Augen wieder öffnet, ist er sich sicher, dass es Min trotz allem gut geht, denn er weiß, dass sie ihren Pfad endlich wiedergefunden hat.

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rabea_kohnen

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