Dead Man's Jest

Logbuch des Kapitäns - 2

Logbuch der Bezebel, zwanzigster Eintrag des Kapitäns

Die Lage ist mal wieder aussichtslos. Und mit aussichtslosen Situationen kennen wir uns aus. Unser Kampf mit der Deathknell hatte uns angeschlagen, aber auch stolz zurückgelassen. Noch immer steckte jedoch so manchem das Grauen tief in den Knochen, die Captain Whalebones Geisterschiff verbreitet hatte. Man tritt schließlich nicht jeden Tag gegen eine lebende Legende an, wobei lebend hier vielleicht der falsche Begriff ist. Dabei waren es weniger die Zombiepiraten, der brutale Walfänger oder die Todesglocke, die meinen Leuten noch immer zu schaffen machen, es ist mehr die Erinnerung an die eigene Angst, an den nackten Horror, der so manchen erfasst hatte. Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Crew die Konfrontation, die erst mit der Zerstörung der unheimlichen Glocke endete, mit vergleichsweise geringen Verlusten überstanden hat. Das schaurige Klingeln werden die meisten aber noch lange Zeit noch in ihren Träumen hören.
Jede Freude darüber, noch am Leben zu sein, konnte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir ein Leck in unseren Wasservorräten hatten und jedes weitere Überleben davon abhing, Frischwasser aufzunehmen. Die anderen Sorgen, die uns weiterhin drücken – der aufgenommene Kredit, die Suche nach Ruhm und Spesen, eine Mannschaft bei Laune zu halten und unsere Verluste in derselben wieder auszugleichen, wurden auch nicht leichter.Wir entschlossen uns also, unser Gluck auf Muntaku-Island zu versuchen und zumindest unsere Vorräte an Wasser aufzustocken. Um die Sache kurz zu machen: Wasser haben wir gefunden, aber auch einen Drakolisken, der uns ganz schön zugesetzt hat. Doch das ist nicht das Schlimmste. Kaum waren wir wieder an Board und bereit, die Segel wieder Richtung offene See zu setzen, da entdeckten wir einen gigantischen Viermaster unter Cheliax-Flagge, der uns den Weg durch den Wasserkanal versperrt. 20 Ballistae und eine Mannschaftstärke von locker 100 Mann, zwei große Katapulte und ein Name, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wer legt sich schon mit dem ‚Dominator‘ an? Wir sind zu schwach, um uns zum Kampf zu stellen und zu groß, um ohne weiteres an ihm vorbei zu schlüpfen.
Dementsprechend ist unser Plan im besten Fall riskant, im schlimmsten Selbstmord, besticht aber durch seine Schlichtheit. Meine Rolle dabei ist denkbar einfach: Ich gehe an Land und starte eine kleine Lichtshow zur Ablenkung, während Fletcher, Juri und Liv an Board des Dominators gehen und sein Ruder sabotieren. Während die Leichenfreunde nach Norden schauen, schleicht sich die Bezebel an ihnen vorbei Richtung Meer und wenn der Steuermann hilflos an seinem lahmen Ruder dreht, schwimmen und fliegen wir alle zu unseren Planken zurück…

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Logbuch des Kapitäns - 1

Logbuch der Bezebel, erster Eintrag des Kapitäns
Kapitän. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, denn alles ging so schnell. Noch vor wenigen Tagen waren wir Gefangene, die ständig um ihr Leben fürchteten – jetzt sind meine Freunde und ich Besitzer eines Schiffes. Rickety Hake hat unsere Bezebel mit seinen Jungs ordentlich überholt und in seinem kleinen Nest haben wir auch das eine oder andere Mitglied für unsere neue Besatzung gewinnen können. Noch viel besser aber war unsere glückliche Begegnung mit Captain Pegsworthy, der eine Piratenflotte zum Kampf gegen Cheliax zusammenstellt. Welch ein Wink des Schicksals! Heute laufen wir aus dem Hafen und Rickety’s Squibb, um unsere erste Herausforderung zu suchen. Es wäre doch gelacht, wenn wir uns nicht einen furchterregenden Ruf erwerben können, um mit Pegsworthy segeln zu können.
Logbuch der Bezebel, zweiter Eintrag des Kapitäns
Was schreibt man eigentlich in so ein Logbuch? Zur Anleitung liegt mir nur das Exemplar meines Vorgängers der Rahadoumi vor und ich muss sagen, das war ein wirklich trübsinniger Geselle. Aber was soll ich sagen? Die See ist ruhig, die Sonne scheint und noch kein Schiff zum Kapern in Sicht.
Logbuch der Bezebel, dritter Eintrag des Kapitäns
Das erste Schiff, das wir kapern und direkt ein großer Fisch. Der Kampf war hart, die Beute reich… aber anscheinend haben wir uns direkt mit dem Aspis Konsortium angelegt. Das wird noch Ärger geben, befürchte ich. Andererseits aber wollen wir ja als Piraten gefürchtet werden und das wird nicht gehen, ohne sich auch ein paar Feinde zu machen.
Logbuch der Bezebel, achter Eintrag des Kapitäns
Ich bin stolz auf meine Crew, denn wir haben heute unseren ersten Kampf gegen Cheliax gewonnen und dabei die Besatzung eines stolzen Piratenschiffes gerettet. Es ging einfach alles glatt und so langsam glaube ich, dass wir tatsächlich Erfolg haben könnten.
Logbuch der Bezebel, zehnter Eintrag des Kapitäns
Heute sind wir in Port Senghor gelandet, um unsere Ladung zu löschen und das von den Cheliaxianern erbeutete Schiff zu verkaufen. Der Tag verging schnell und sehr angenehm. Mit Livia, Juri und Fletcher an Land hatten wir schnell eine kundige Führerin in Liane gefunden und in der Blauen Auster war das Essen eine willkommene Abwechslung, obwohl Fishguts so langsam zu echter Hochform aufläuft. Diese Liane gefällt mir ausgesprochen gut und wir sollten versuchen, sie für unsere Crew anzuwerben. Schnell hatte sie ein paar Händler an der Hand, die uns ein Angebot für unsere ganze Ladung machen sollen. Nur, was wir mit dem erbeuteten cheliaxianischen Schiff machen, weiß ich noch nicht.
Livia hat schnell einen älteren Herrn gefunden, der ihr nicht nur die Drinks spendierte, sondern auch zum Rat der Stadt gehört. Kein Wunder, dass meine findige Nummer Eins sich für eine Privatvorführung später am Abend engagieren ließ. Noch immer ist sie noch nicht zurück und ich vermute, dass sie nicht nur mit vollen Taschen, sondern auch mit neuen Informationen und Geschichten zurückkommen wird. Ich bin sehr froh, dass ich sie an meiner Seite weiß, denn sie hat mit Menschen ein Händchen, das mir völlig fehlt. Manchmal frage ich mich, warum sich die Crew so schnell mit einem jungen Mädchen an ihrer Spitze arrangiert hat. Und dann hoffe ich, dass ›Captain Storm‹ sie nicht enttäuscht.
Logbuch der Bezebel, elfter Eintrag des Captains
Noch als ich den letzten Eintrag schrieb, einen Becher guten Rum neben mir und schon im Nachthemd, klopfte es an meiner Tür. Als ich die Tür öffnete und Juris entsetztes Gesicht sah, verflog jeder Ärger, der sich vielleicht bemerkbar gemacht hatte, sofort. Mein Bootsmann war zwar mächtig angetrunken, aber ganz offensichtlich auch in echter Not. Nachdem Ambrose und ich ihm einen starken Kaffee eingeflößt hatten, begann seine Geschichte langsam Sinn zu machen:
Er und Fletcher seien schnurstracks ihres Weges gegangen und hätten nur kurz gehalten, um eine Laterne zu entzünden, als sie von acht starken Männern angegriffen worden wären. Er selber habe fliehen können, aber Fletcher hätten die Kerle mitgenommen. Geistesgegenwärtig war Juri ihnen geschützt von Unsichtbarkeit gefolgt und konnte uns das Haus, in dem sie unseren Freund gefangen hielten erstaunlich gut beschreiben, wenn man seine Verfassung bedenkt.
Mein luftiger Gefährte Arthur konnte uns nach einem kleinen Erkundungsflug ziemlich genau beschreiben, womit wir es zu tun hatten, und schon machten wir uns an das Austüfteln eines Plans. Livia fehlte uns dabei und auch Knuckles war noch in der Stadt unterwegs, aber uns war klar, dass wir das Aspis Konsortium, das sich hier an uns rächen wollte, genau richtig anfassen mussten. Fletchers Leben durften wir nicht gefährden, unseren Ruf als mächtige Piraten – der doch gerade erst zu erblühen beginnt – nicht gefährden und dennoch versuchen, unsere Feindschaft zu dieser einflussreichen Gruppe in etwas anderes zu verwandeln.
Der erste Teil des Plans war simpel: Juri und ich schleichen uns unsichtbar in das Haus des Konsortiums und befreien Fletcher schnell und unauffällig. Der zweite Plan war sehr viel riskanter, aber ausgesprochen lohnenswert: Am nächsten Morgen würde ich als Kapitän, begleitet von meiner charmanten Nummer Eins und meinem starken Steuermann im hellen Tageslicht zurück an den Ort des Geschehens gehen und das örtliche Oberhaupt des Konsortiums nach draußen bitten. Auf eine Entschuldigung (ein wenig süffisant) sollte ein Klarstellen unserer Macht folgen (schlicht und einfach), gefolgt von einem Geschenk, das an Großzügigkeit seines gleichen suchen soll. Die Flagge des Konsortiums lagert schon am Mast des cheliaxianischen Schiffes. Wenn alles gutging, sollte Fletcher sie am nächsten Mittag im genau richtigen Moment hissen…

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Alles begann mit einer besonders wohlgeformten Wolke

Das Meer erstreckte sich in seiner scheinbaren Unendlichkeit unter ihm und der Himmel in seiner tatsächlichen Unendlichkeit darüber. Schon seit einer unfassbar langen Zeit – es mochten wenige Sekunden oder schon ein paar Stunden sein, was das anging, war Arthur immer etwas verwirrt – tanzte er mit einer besonders wohlgeformten Wolke. So einer von der Sorte, die von weiter weg dicht und kuschelig aussahen, aber in denen man sich auch wunderbar verlieren konnte, die das Licht sanft brachen und noch sanfter im Wild segelten. Doch dann kam eine große Windböe, hatte nicht mal die Höflichkeit, sich vorzustellen, und zerfetzte das wunderbare Gebilde.
So fiel Arthurs Blick nach unten, auf das kleine Boot, das lustig auf den Wellen hüpfte. Weiter hinten segelte ein großer Fischschwarm durch das Wasser und hinter ihm lag die unheimliche Insel mit den vielen düsteren Höhlen. Wenn Arthur einen Rücken gehabt hätte, wäre es ihm schon bei der Erinnerung daran kalt darüber gelaufen. Aber richtig, das Boot. Darin saßen ein paar von diesen solide und irgendwie ulkig geformten Wesen, die er in der letzten Zeit – das waren doch jetzt bestimmt schon ein paar Stunden, oder vielleicht sogar noch länger? – also, die er in letzter Zeit recht lieb gewonnen hatte. Besonders natürlich Min, die als einzige klug genug war, die Sprache des Windes zu sprechen.
Arthur ließ sich in einer eleganten Spirale herab gleiten und ließ es sich bei der Gelegenheit nicht nehmen, das Gefieder einer vorbeifliegenden Möwe neckisch zu verwuscheln und sich köstlich über ihren Schreck zu amüsieren. Lustiger Vogel. Aber richtig, das Boot. Genau. In letzter Zeit – er würde schätzen zwei, drei Jahre, es könnte aber auch weniger sein – hatte Min oft sehr niedergeschlagen ausgesehen. Und das, obwohl sie jetzt viel mehr nette Freunde hatte, als vorher in der stickigen Stadt. Die Frau, die die Luft so schön zum Klingen bringen konnte, der alte Mann, der sich fast unsichtbar machen konnte, der Bogenschütze, der seinen Pfeil immer genau richtig in den Wind zu legen verstand und der große stille Kerl, der scheinbar vor nichts anhatte. Und natürlich ihn selber, Arthur, der das Leben auf dem Meer ganz vergnüglich fand. Es müsste nur mehr Möwen geben.
Als ihn sein Flug nah an das Boot herangeführt hatte, tupfte Arthur ein paar Mal zum Spaß auf den kleinen Wellen auftupfen und fuhr dann durch Mins Haare. Das hatte sie gern. Sie unterhielt sich gerade mit ihren neuen Freunden und zwei weiteren Frauen, die sie alle zusammen aus der Höhle gerettet hatten. Arthur selbst hatte wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Rettungsmission, aber er war ein bescheidenes kleines Elementar und wollte das niemandem unter die Nase reiben. Oh, da war der Fischschwarm wieder! Und wenn sich das Licht so lustig in den Wellen brach, sah er fast aus wie eine wunderbar geformte Wolke. Versunken in die Betrachtung hörte Arthur nur am Rande die Stimmen der Leute auf dem Boot.
»So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen, wir können doch nicht ewig so Leben!«, das war seine Min, »Und ich glaube, ein großer Teil der Crew würde uns unterstützen, wenn wir etwas gegen Mr. Plug unternehmen würden.« Dann erzählte die Frau ohne Schuhe etwas von einer Freundin namens Rosie und dass sie sich Sorgen um Livia mache. Das erregte Arthurs Aufmerksamkeit, denn die Frau mit den Klängen hatte er auch gern. »Aber was sollen wir tun, ihn im Schlaf erdolchen?« »Kommen wir denn da nah genug ran?« »Livia vielleicht schon, aber das wird nicht schön…«. Was hatten die nur alle für ein Problem, wenn sie diesen blöden Mister Plug nicht mochten, sollten sie ihn doch einfach über die Reling schubsen.
»Also ich glaube«, das war wieder seine Min, »wir sollten Mr. Plug offen konfrontieren und der Mannschaft eine Alternative anbieten. Bis auf ein paar treue Lakaien steht doch keiner hinter unserem neuen Kapitän.« Erst sah sie aus und so entschlossen wie schon lange nicht mehr. Das gefiel Arthur. Vielleicht hätte sie dann auch bald mehr Spaß am Schifffahren und sie konnten an schöne Orte segeln. Den Rest der Unterhaltung bekam er dann kaum noch mit, weil er sich in warme Böen, wilde Tornados und laue Sommerlüftchen träumte.
Als Min ihr kleines Elementar in einer nachlässigen acht um ihren Kopf fliegen sah, musste sie trotz der Müdigkeit schmunzeln. Wo Arthur jetzt wohl gerade in seinen Gedanken war? Bekam er überhaupt mit, was mit ihr geschah? Manchmal schien er ihr wie ein weiser alter Mann und dann war er wieder wie ein wilder kleiner Junge, der nur Streiche im Sinn hatte. Es tat gut zu lächeln, auch wenn ihre Lage so ernst war. Nicht nur sie, sondern auch alle ihre Freunde waren nach den Abenteuern auf der Insel erschöpft und angeschlagen. Es war einfach furchtbar, was sie dort erleben mussten. Die Kämpfe mit den Gwendilos waren eine Sache, aber dem falschen Tod wieder und wieder zu begegnen, zu sehen, wozu diese Unmenschen aus Cheliax in der Lage waren. Dem musste jemand ein Ende setzten. Doch wer? Die Staaten rund um das Innere Meer waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hatten viel zu viel Angst vor der Großmacht. Nur die Piraten fügten den Schiffen der düsteren Nekromanten auf Jagd nach den Schätzen dieser reichen Händler immer wieder Schäden zu. Aber was von Piraten zu halten war, wusste sie ja jetzt.
Als das kleine Boot sich seinem Ziel immer weiter näherte schlich sich ein kleines ›obwohl‹ in ihre Gedanken. Nicht alle Piraten waren schlechte Menschen, nicht alle skrupellose Mörder. Nicht wenige hatten diesen Leben gewählt, weil ihnen nichts anderes übrig blieb oder hatten es, genau wie Min und ihre Freunde, überhaupt nicht freiwillig gewählt. Wie könnte es sein, wenn sie Mr. Plug wirklich besiegten? Wohin sollten sie sich dann wenden? Min hatte immer nur das Ziel gehabt, irgendwie wieder nach Hause zu kommen. Aber wollte sie das wirklich? Zurück zu Tanzstunden und Nachmittagskaffee? Zurück zu ihrem Vater, der ihr jeden Schritt vorschreiben wollte, aber als Botschafter für sein Land noch so gut wie nichts erreicht hatte? Und sogar, wenn sie in dieses Leben zurück könnte, wenn sie trotz ihrer neuen Kräfte, trotz der Gefahr, die sie jetzt darstellte, trotz der Tode, die auf ihr Konto gingen, sogar wenn sie wieder in den Schoß ihrer Familie aufgenommen würde – wohin sollten all die anderen Besatzungsmitglieder gehen? Konnten sie einfach aufhören, Piraten zu sein? Könnten sie nicht einen gemeinsamen Weg finden, der wirklich etwas bedeutete?
Doch noch bevor Min ihren Gedanken zu Ende denken konnten, waren sie am Schiff angekommen und Mr. Plugg warf eine Leiter zu ihnen herab. Nach und nach kletterten ihre Freunde nach oben, doch als sie sich über die Reling hieven wollte, lächelte der ›Kapitän‹ sein schmieriges Lächeln und sprach verächtlich auf sie herab: »Du nicht, Wetterhexe, du bleibst hier auf dem Meer, wo du hingehörst. Du bist eine Gefahr für jeden auf dem Schiff.« Da war er also, der alles entscheidende Moment. Min sah sich nach ihren Freunden um. Juri war wie verschwunden, aber sie wusste, dass das ein gutes Zeichen war. Fletcher griff nach seinem Bogen und Knuckles bekam diesen Gesichtsausdruck, der für die Männer vor ihm nichts Gutes verhieß. Livia stand stolz und schön vor Mr. Plug und rief »Ihr hättet uns töten sollen, als ihr die Gelegenheit dazu hattet!« wobei sie ihre Harfe in die Hand nahm. Und dann merkte Min, dass jetzt alle auf sie blickten. Warum denn auf sie? Während der ganzen Reise auf See hatte sie sich schwach und hilflos gefühlt, eingesperrt trotz der Weite des Meeres. Doch sie hatte auch neue Stärke gefunden und neuen Mut. Den musste sie jetzt zusammennehmen.
Es war genauso gekommen, wie sie es wollte. Eine offene Konfrontation, eine freue Wahl für jeden an Bord. Im Stillen dankte sie ihren Vater für all die kleinen Lektionen in Rhetorik und begann zu sprechen. Sie sprach von den Untaten des Kapitäns, von einer besseren Zukunft, die zum Greifen nah sei, von Freiheit, von Beute und von ehrenhaften Zielen. Und dann ging alles ganz schnell, ein riesiger Tumult brach los. Doch Min konnte nicht mehr sehen, wen ihre Worte berührt hatten oder wer sich gegen sie stellen wollte, denn Mr. Plug kam auf sie zu, griff sie an und stürzte mit ihr hinab ins Beiboot.
Wild sauste Arthur herbei und kam gerade noch rechtzeitig, um dem fiesen Kerl seine Peitsche aus der Hand zu hauen, als er auf seine Min fiel. Die Luft knisterte von Mins Magie und über ihnen klang Stahl auf Stahl, hörte man die Schreie der Angreife, die sich mit denen der Verwundeten mischten und den süßen Klang von Livias Harfe. Arthur sauste über das Schiff und wurde nicht schlau aus dem Gewimmel der der Menschen an Bord. Dort, das war doch ein Verbündeter? Und da, das war doch ein Fein? Gut, dann soll ihm der Wind hart ins Gesicht wehen! HA! Wieder saust er zurück zu Min und will ihr Mut zusprechen, dass sich der Kampf zu ihren Gunsten neigt. Sie hat sich unter dem schweren Mann hervorgeschoben, hastet auf die Strickleiter zu, ergreift sie und klettert an Bord. Kurz danach ist alles vorbei. Sie haben gewonnen! Fröhlich schwirrt Arthur um die dicken Schiffstaue, fährt Min durchs Haar und hüpft dann über die Köpfe der Seeleute um sie herum.
»Was soll mit ihm geschehen?«, fragt der dreiste Junge, der seiner Min immer vertraulich zuzwinkert. »Mit ihm geschieht genau das, was er mir antun wollte. Wir lassen ihn hier. Soll er doch auf der wunderbaren Insel sein Glück suchen, auf der er mich aussetzen wollte.« »Dann bist du jetzt der Captain?« fragt einer der Seeleute. Min dreht sich um und schaut den Mann ernst an. Captain? Sie? Was weiß sie schon vom Führen eines Schiffes? Andererseits aber – was könnten sie mit diesem Schiff erreichen? Was könnten sie bewegen? Sie könnten ein Stachel in der Seite der Nekromanten sein, die den falschen Tod in alle Gegenden der Welt trugen. Nicht mehr länger Beute, sondern endlich Jäger sein. Und dann lächelt Min, während eine besonders wohlgeformte Wolke über ihren Köpfen schwebt.

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umoya ukucula

Die Flammen züngeln blau um die letzten Reste des kleinen Lagerfeuers, an dem der Ongumelaphi der Erumba, Iskaa, die ganze Nacht gesessen hat. Hier, auf einer kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels, fällt es ihm leicht, die Grenzen der Welten zu überwinden, Kontakt herzustellen, mit den Augen der Seele zu sehen. Doch heute Nacht ist sein Geist unruhig gewandert und hat keinen klaren Pfad gefunden. Jetzt ist er sich sicher, dass seine kleine blonde umzukulu nicht nur einen neuen Weg eingeschlagen hat, sondern auch in großer Gefahr ist.
Seine Hände umgreifen den Stab, dessen Verzierungen er selber in seinem langen Leben nach und nach geschnitzt hat. Ein kleines Gürteltier mit etwas verschobenen Proportionen ganz unten repräsentiert seine erste Jagd, ein schon geschickter hergestellter Knoten etwas weiter oben seine Hochzeit, besonders liebevoll gearbeitete Blüten seine drei Kinder, ein kraftlos geschnitzter Stern den Tod seiner Frau und noch weiter oben ein weiterer Knoten, anders als der erste und doch nicht weniger fest geschlungen. In den letzten Wochen hat er oft an den Freund seiner Seele gedacht, Odabio, den Magier ohne Magie, der weit fort in den Norden gegangen ist. So weit fort, um auf ihre kleine umzukulu zu achten.
Gedankenverloren streicht Iskaa mit der Hand über den kleinen Blitz, den er neben Odabios Knoten geschnitzt hat. Auch damals hatte er auf dieser kleinen Klippe gesessen und die ganze Nacht mit seiner umzukulu Min meditiert. Nunja, er hatte meditiert und die kleine Min hatte sich viel Mühe gegeben, ernst und erwachsen auszusehen und nicht einzuschlafen. Doch als es gerade begann, zu dämmern, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und ihr Blick ging in die weite Ferne. Und dann hatte sie in einer Sprache gesprochen, die Iskaa noch nie zuvor gehört hatte. Erst da war ihm aufgefallen, dass der Wind sie anders umwehte, als noch vor wenigen Momenten. Er kam nicht mehr aus Nordwesten, war nicht mehr kalt von der Nacht, sondern sanft und warm wie ein alter Freund. Mins lange blonde Haare wehten sanft um ihren Kopf und in den ersten Sonnenstrahlen des Tages leuchteten ihre blauen Augen wie die Blitze eines noch fernen Gewitters. Da wusste er, dass dieser Moment dazu bestimmt war, nicht vergessen zu werden.
Auf ihrem Weg zurück ins Dorf sprach keiner von ihnen, aber am Abend des gleichen Tages sahen sie sich erneut. Es war Mins zehnter Geburtstag und ihre ganze Familie war aus der Stadt gekommen. Iskaa war mit dem Mädchen in seine Hütte gegangen und hatte mit ihr in das heilige Feuer geblickt, dass seit der Urzeit von einem Ongumelaphi seines Stammes an seinen Nachfolger weitergegeben wurde. Er hatte dem Mädchen fest in die Augen geblickt und noch immer konnte er seine eigenen Worte hören: „Du bist jetzt eine Erumba, Min. Hast du in der letzten Nacht deinen Pfad gefunden?“ „Ich weiß es nicht, umkhulu. Ich habe gemacht, was du gesagt hast: Ich habe mir vorgestellt, wie ich den Weg des Kriegers gehe, den Weg des Fischers, den Weg der Weberin und viele mehr, aber keiner hat mich getragen. Doch dann…“ Sie war verstummt und hatte verlegen in die Flammen geblickt. Nach einer Weile hatte sie ihm fast trotzig in die Augen gesehen und weitergesprochen: „Doch dann ist mir umoya ukucula begegnet, dann hat der Wind zu mir gesprochen. Er hat mir von der Ferne erzählt, von Abenteuern, von der Freiheit. Er hat gesagt, wenn ich ihn in mein Herz lasse, wird er mit mir durch die ganze Welt fliegen.“ „Und, was hast du ihm geantwortet, umzukulu?“ Wieder hatte das Mädchen in die Flammen geblickt, doch hatte sich ihre Miene dieses Mal aufgeheitert, um dann ernst und entschlossen zu werden. „Ich habe ja gesagt, umkhulu. Ich werde den Pfad des Windes gehen, wohin er mich auch weht.“
Jetzt sieht Iskaa Min genau vor sich, hat den Klang ihrer Stimme im Ohr, fühlt ihre Hand auf der seinen, die noch immer den kleinen Blitz umfasst. Und dann ist er nicht mehr auf der kleinen Klippe in der Wärme Sargavas, sondern weit entfernt, in einer Höhle voll mit Wasser. Nein, kein Wasser, oder zumindest nicht nur. Iskaa watet in Leichenteilen, der Gestank der Verwesung beißt in seinem Rachen. Direkt vor ihm kämpfen alptraumhafte Wesen mit einer kleinen Gruppe Menschen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Und dann sieht er sie – seine kleine umzukulu Min. Ihre Haut ist unter Schmutz und Blut viel zu fahl, ein tiefer Schnitt an ihrem Oberarm nur notdürftig verbunden. Alles in ihm schreit, ihr zu Hilfe zu eilen, aber wie immer ist Iskaa nur ein Beobachter, zur Untätigkeit verdammt. Doch dann sieht er, wie Min lächelt und zuerst versteht er nicht. Doch, doch da, wo sie hinsieht, schimmert die Luft, bewegt sich in kleinen Wirbeln um sich selbst, knistert leise vor Energie. Und dann hört er sie wieder in dieser Sprache sprechen, die er nicht versteht, und eine tiefe Zufriedenheit kommt über ihn. Sie hat umoya ukucula wiedergefunden.
Als Iskaa auf der kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels die Augen wieder öffnet, ist er sich sicher, dass es Min trotz allem gut geht, denn er weiß, dass sie ihren Pfad endlich wiedergefunden hat.

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Imaginäre Flaschenpost Nummer 148

Lieber Großvater,
manchmal glaube ich, ich bin immer noch in dieser Kiste auf dem Deck des Piratenschiffs und schlicht und einfach durchgedreht. Anders kann ich mir kaum erklären, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. Es muss ein Albtraum sein. Schon seit Stunden waten wir durch immer neue Höhlen voller Unrat, Moder und Wesen, die zwischen Tod und Leben gefangen sind. Es ist widerlich. Und doch schien es der einzige Weg zu sein, unsere Crewmitglieder zu retten. Wenn man bedenkt, dass unter den Gefangenen unsere einzige Heilerin ist, vielleicht sogar der einzige Weg, diese verrückte Reise zu überleben.
Ich hatte dir ja schon lang und breit geschrieben, wie wir auf dem gekaperten Schiff gelandet sind und jetzt unter dem Kommando von Mister Plugg stehen. Es wird dich nicht überraschen zu hören, dass dieser Isilima nicht die geringste Absicht hat, das Schiff nach Port Peril zu steuern… das wäre auch zu schön gewesen. Stattdessen segelt er mit uns von einem Unwetter ins nächste und als wäre das noch nicht genug, hat er das Schiff nachts auf ein Riff gesteuert. Dort wurden wir von seltsamen Meerwesen angegriffen. Die Gwendolins gehen auf Oktopusarmen, sprechen eine rudimentäre aber uns völlig fremde Sprache und sind äußerst aggressiv. Wir mussten also wieder um unser Überleben kämpfen und ich habe versucht den Geist des Kriegers in mir erwachen zu lassen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Zumindest habe ich die Nacht genauso überlebt wie die meisten Menschen, denen ich mich auf diesem Schiff zugehörig fühle. Sandara war jedoch am nächsten Morgen genauso wenig auffindbar wie Sam.
Mit dem Auftrag, auf einer nahe gelegenen Insel Frischwasser zu besorgen, während das Schiff repariert wird, schickte der Möchtegernkapitän dann ausgerechnet Juri, Liam, Livia, Knuckles und mich los. Konnten wir so viel Glück haben und sich hier tatsächlich eine Fluchtmöglichkeit bieten? Zunächst wirkte die Insel wie ein Paradies, zumindest im Vergleich zu einem Leben auf einem Schiff mit skrupellosen Mördern und Folterern. Schon bald aber zeigte sie uns ihr hässliches Gesicht. Mit Mückenschwärmen, Riesenkrebsen und sogar mit den Gwendolins hätten wir uns vielleicht vorrübergehend arrangieren können, aber diese Unmenschen aus Cheliax waren vor uns hier und haben den falschen Tod auch in diesen Winkel der Welt gebracht. Seid wir wissen, dass er sich wie ein Fieber durch die Crew des gestrandeten Schiffen gefressen hat, betrachten wir alle unsere Mückenstiche mit neuer Sorge.
Doch wir schöpften auch neue Hoffnung, als Liam und Juri einen der Gwendolins vor ihrer Höhle mit Sams Hut posieren sah. Konnte es sein, dass Sam und Sandara nicht tot, sondern Gefangene der Wesen waren? Und könnte Sandara uns vor einem Schicksal als Ghoule bewahren? Wir mussten also alles tun, um die beiden zu retten. Und so landeten wir in dieser abscheulichen Höhlenwelt. Es kommt mir vor, als würden wir beständig im Kreis gehen und doch erkenne ich keine Biegung, keine Windung wieder. Tief in meinen Eingeweiden spüre ich die Verzweiflung wachsen. Durch die vielen Kämpfe und Entbehrungen der letzten Tage sind wir alle geschwächt und doch wissen wir, dass die härtesten Prüfungen dieses Tages noch vor uns liegen.
Mein Blick schweift von einem meiner Reisegefährten zum nächsten. Der alte Mann, dessen Hände magisch von jedem Kleinod angezogen werden und der jetzt fest den Rücken durchdrückt, damit wir ihm seine Erschöpfung nicht ansehen. Der freundliche Bogenschütze, der beim Anblick der Ghoule so erbleicht ist, als sähe er in ihnen viel mehr als nur eine Gefahr im hier und jetzt. Die schöne Sängerin, die auch voll von Blut und Schlamm noch Zuversicht auszustrahlen versteht, die uns alle etwas aufrechter gehen lässt. Und der unverwüstliche aber schweigsame Krieger, der schon in so vielen ausweglosen Situationen unsere Rettung war. Wenn ich schon in einem Albtraum gefangen bin, bin ich froh, diese vier bei mir zu haben. Und wenn du mich fragst, ob ich lieber zu meiner Tanzstunde möchte, als mich gemeinsam mit ihnen dem ‚Wal‘ zu stellen, der hinter jeder Biegung lauern kann: Auf gar keinen Fall! Ich muss wirklich verrückt geworden sein.

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Juri Rix, Pirat

Zwei Wochen auf See, zwei ganze Wochen auf diesem von Sadisten, Wahnsinnigen und Lebensmüden gesteuerten Seelenverkäufer mit Namen Wormwood… und seit heute sind wir alle, selbst die kleine Min, selbst zu Piraten geworden.
Ein Rahadoumi-Handelsschiff war in Sicht gekommen und auch uns unfreiwilligem Teil von Captain Harrigans Crew war “klar machen zum Entern” befohlen worden. Wir kamen von achtern und schoben uns immer weiter an den Rahadoumi vorbei, um bei ihnen backbord längsseits zum Entern festzumachen. Die Besatzung wehrte sich tapfer: Sie eröffneten sogar als erste das Feuer und schossen mit Armbrüsten und zwei großen Ballistas auf die Wormwood, aber die Wetterhexe des Captains ließ alles in einem dichten Nebel versinken, so dass kaum ein Bolzen traf.
Ich wurde zunächst abkommandiert, um mit Ambrose Schweineteile und -blut über Bord zu werfen… Der Captain wollte Haie anlocken, die sich um die erwartungsgemäß ins Meer stürzenden Männer und Frauen kümmern sollten. Ein perfider Einfall – aber Harrigan kennt die Gewässer gut und der Plan sollte aufgehen.
Schließlich bekam ich Befehl, mit meinen Leidensgenossen und “neuen Freunden” die Men’s Pride backbord-achtern zu entern und das Steuer und die Beiboote zu sichern, damit sich die Rahadoumi nicht losreißen oder die Flucht ergreifen könnten. Uns blieb kaum eine Wahl: Die Rahadoumi machten keinen Unterschied, ob wir freiwillig Piraten waren, oder nicht. Sie kämpften um ihr Schiff und um ihr Leben. Und um leben oder sterben ging es dann gezwungenermaßen auch für uns. Man hatte mir ein Kurzschwert in die Hand gedrückt, das ich allerdings kurz nachdem ich auf das andere Schiff herübergesprungen war wieder verlor: Ein Rahadoumi-Soldat hatte mich kurzerhand über Bord geteckelt und ich konnte mich nur mit Mühe an der Reling der Wormwood halten, um nicht ins haiverseuchte Wasser unter mir zu fallen. Überall erklangen grausame Schreie, aber in der Hitze des Gefechts blieb keine Zeit zum Nachdenken: Auf der Men’s Pride schlug Knuckles, der Türsteher, einen Rahadoumi nach dem anderen in Stücke, aus dem Krähennest stürzte eine Soldatin krachend auf die Planken und selbst die kleine Min erledigte einen oder zwei Rahadoumi mit ihrem Blitz-Trick… Ich nahm allen Mut und alle Kraft zusammen, die ich noch in mir finden konnte. An Steuerbord versuchten sich drei Rahadoumi mit dem Rettungsboot davon zu machen. Knuckles und Min waren schon da, aber sie würden den vordersten, der gerade dabei war die Vertäuung loszumachen, nie rechtzeitig erreichen. Ich legte meine kleine, treue Armbrust an: Es war ein schwieriger Schuss, vor allem bei dem Nebel, aber er gelang mir und das Boot war gerettet.
In der Hektik des Kampfes wären wir den Schinder Harrigan beinahe losgewesen, denn ein Rahadoumi hatte es unbemerkt hinter ihn geschafft und drohte ihn zu erdolchen. Nur der Zuruf von Livia warnte Harrigan gerade noch rechtzeitig. Ich hätte ihm keine Träne nachgeweint, dem Mistkerl, aber ob wir mit Mr. Plugg und Scourge besser dran wären?
Na, genau das werden wir wohl jetzt herausfinden, denn während meine “Kameraden” auf der schier endlos scheinenden Siegesfeier die Vorräte der Rahadoumi und unseren Rum dezimieren, macht bereits das Gerücht die Runde, der Captain wolle Plugg das Kommando auf der Men’s Pride übertragen, damit er sie, mit uns als “Skeleton Crew”, nach Port Perril segle und verkaufe…
Wir dürfen gespannt sein, was uns dieses neue Abenteuer bringt. Eine Aussicht auf Heimkehr nach Port Perril ist endlich ein Lichtblick und ich würde keine Möglichkeit auslassen, meinen “Heuervertrag auslaufen zu lassen”… Meine Weste ist nicht blütenweiß, aber für ein paar Goldstücke morden und Menschen den Haien vorwerfen – schlimmer noch, sie in Fesseln zu legen und drohen, sie als Sklaven zu verkaufen? Das ist nicht meine Welt. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine kleine Schaluppe im Hafen von Port Perril und das Geschraube und Gebastel darin einmal so vermissen würde, aber das letzte Kapitel im Buch von Juri Rix ist noch lange nicht geschrieben.

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Eine Woche auf See

Eine Woche auf See und du gehst an einer Seuche drauf Liam. Wer hätte das gedacht?
Dann wickeln sie mich in ein Tuch und übergeben mich der See. Entweder versinke ich und verfaule auf dem Grund oder ein paar Fische machen sich über meinen Körper her. Auf jeden Fall bekommen sie mich so nicht. Und dieser Gedanke lässt mich tröstlich in den Fieberschlaf sinken.

Eine Woche ist nun verstrichen. Eine Woche voller Ereignisse. Und dennoch nichts Ungewöhnliches wenn man bedenkt in welch illuster Gesellschaft wir uns hier befinden. Die Neuen, zu denen ich jetzt auch gehöre, werden mit den Regeln vertraut gemacht. Neben all der Arbeit, die wohl nicht für alle gleichermaßen vertraut ist, werden wir schikaniert so gut es geht.
Bei der morgendlichen Rationsausgabe kam es dann zur „Einweihung“. Der gute Mr. Scourge hatte die besten Schläger antreten lassen. Halborcs! Nichts wie weg hier.
Auch Jury hatte die Situation gut Eingeschätzt und das sinnvollste getan. Nur der Große war dumm genug sich darauf einzulassen. So dauerte es nicht lange und sie hatten Ihn da wo sie ihn haben wollten.
Dann geschah etwas Merkwürdiges. Als die Jungs gerade in Schwung kamen, ging die Blonde dazwischen und – nun wie soll ich es beschreiben – Sie erledigte zwei der Schläger mit einer Art Blitz.
Einen sogar endgültig. Die Fische freuen sich.
Das ist gut für die Fische. Es ist gut für Jury und mich und natürlich auch für den Gorilla.
Nur nicht für die Kleine!

Sie kommt in die Kiste. Liam, du weißt was das heißt. In diesem dunklen Loch zu sitzen. Die Luft wird mit jedem Atemzug dünner. Dein Körper verkrampft sich. Dir wird heiß. Deine Gedanken zerreißen dich. Du verlierst den Verstand. Und dann wird es noch schlimmer. Denn sie weiß, was dann kommt.
Wurden wir doch vor kurzem erst noch Zeuge dieser Folter.

Aber vielleicht bekommt sie schon bald Gesellschaft. Hat der Rotschopf nicht aufgepasst oder glaubt sie wirklich an die Gutherzigkeit in Jedem? Wenn ihr nicht bald jemand den Kopf wäscht macht Mr. Scourge kurzen Prozess mir ihr.

Dennoch, sie hat Recht! Das geht so nicht. Strafe muss sein. Und wer Singt wird bestraft. Das war schon immer so. Ein altes Gesetz das auch hier gilt.
In Jury habe ich einen wertvollen Bruder im Geiste gefunden. Er erinnert mich zum teil an „Lefthand“ und die Zeit in der Gilde. An die guten Tage. Ohne Verrat. An die Zeit als ich an eine zweite Chance glaubte und das es tatsächlich so etwas wie Freundschaft gibt….

Ein lautes Knallen der Peitsche reißt mich zurück in die Realität. Die Pause ist vorbei.
Zurück ins Krähennest. Hier wird niemand Krank!

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Wer nicht schwimmen kann, muss fliegen

Von Emindreda Odabio

Das Schlimmste ist nicht, dass ich seit Stunden meine Arme und Beine nicht bewegen konnte. Das Schlimmste ist auch nicht die Dunkelheit. Das Schlimmste sind auch nicht die Bilder des Mannes, den ich getötet habe und das Schlimmste ist nicht mal die Vorstellung, was in kurzer Zeit mit mir passieren wird.
Das Schlimmste ist die Luft, die mit jedem Atemzug weniger, dünner, schaler wird. Das Schlimmste ist die Angst, nicht mehr atmen zu können und das Schlimmste ist, aus Angst, nicht mehr atmen zu können, so panisch zu werden, dass man wirklich nicht mehr atmen kann.
Wenn ich mich wieder beruhigt habe, wenn ich für einen Moment aufhöre durchzudrehen, sinke ich immer wieder in einen erschöpften Halbschlaf, der mir keine Erholung sondern nur quälende Traumbilder bringt. Mein Großvater, wie er einsam vor seinem Kamin sitzt, und auf mich wartet, mein Vater, der zwischen all seinen Papieren noch gar nicht gemerkt habe, dass ich weg bin. Meine Schwester, die sich bereits aus meinem Schrank bedient, als würde ich nicht mehr wiederkommen. Mein Bruder, der versucht die peinliche Situation zu überspielen.
Dazwischen mischen sich immer wieder irritierende Mischungen von hier und da, gestern und heute, Realität und Phantasie. Meine Mutter, die halb Mensch halb Fisch neben diesem verfluchten Schiff her gleitet und mir sagt, dass alles gut werden wird. Wutwu, der mich hänselt, weil ich immer noch nicht gelernt habe, zu schwimmen. Das Bild meines Urgroßvaters, das aus dem Buch lebendig wird und mich auslacht, weil ich in einer albernen Kiste feststecke. Mein Vater, der mich als strenger Richter zu Tode verurteilt…

Kurz sah es so aus, als würde ich dieser Hölle entkommen, doch schon wieder stecke ich in der verhassten Kiste und habe viel zu viel Zeit, meine Gedanken zu ordnen. Zwei Männer haben mich herausgehoben und zu einer Frau in einer kleines Labor gebracht. Bevor mir klar war, dass das meine Chance auf Rettung war, hatte ich sie auch schon verspielt. Kein Wunder, dass ich nach allem, was passiert ist, neben mir stand, aber ich hätte einfach schneller sein müssen. Charmanter, überzeugender, einnehmender – kein hilfloses Nervenbündel, das alles ausplappert, was es denkt. ‘Hast du denn gar nichts gelernt?’, höre ich die Stimme meines Vaters im Hinterkopf, ‘Nach allem, was ich für deine Ausbildung bezahlt habe, müsstest du die eleganteste junge Lady der Stadt sein, ein politisches Genie!’ Tja, aber das bin ich nicht. Anstatt die Wetterhexe galant auf meine Seite zu ziehen, habe ich sie verärgert und war einfach nicht das, was sie sich erhofft hat. Und jetzt stecke ich nicht nur wieder in der Kiste, sondern habe auch meinen wertvollsten Besitz an sie verloren. Wenn ich nur etwas anderes gesagt hätte, sie vielleicht zum Lachen gebracht hätte oder zumindest beeindruckend gezaubert hätte… Zaubern! Magie! Es ist tatsächlich echt. So sehr ich Enuel auch liebe, ein Teil von mir hat immer gedacht, dass er ein verrückter alter Kauz sei, gefangen in seinen Träumen einer grandiosen Vergangenheit unserer Familie. Aber er hatte Recht. Ich kann zaubern… und mein erster Zauber hat einen Mann das Leben gekostet.

Immer wieder gleite ich zwischen Wachen und Schlafen hinterher, ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt gegessen oder getrunken habe, meine Beine spüre ich schon lange nicht mehr. Ich merke, wie ich wieder das Bewusstsein verliere und bin froh, nicht mehr in der Kiste zu sein, sondern zu Hause. Ich fühle den warmen Wind in meinem Gesicht, spüre, wie er mein Haar zerzaust, wie meine Füße im feuchten Gras stehen. Ich mache meine Augen auf und sehe mit der untrüglichen Sicherheit des Träumenden, dass ich auf einer winzigen Insel inmitten des Korir stehe, dort wo er sich zum ersten Mal gabelt. Um mich herum nichts als das tosende Wasser der Frühjahrsschwemme, nichts als Gefahr und Tod.
Doch mein Blick wird nicht hektisch, er richtet sich auf das ferne Ufer, an dem eine Gestalt steht und mir die Arme entgegenstreckt. Dann höre ich Isakaa. ‘Umzukulu’, sagt er, was soviel wie Enkeltochter bedeutet, und mir wird warm, ‘Umzukulu, komm zu mir.’ ‘Ich kann nicht, ich habe Angst!’ ‘Wieso hast du Angst, meine Kleine?’ ‘Ich kann nicht schwimmen Umkhulu.’ ‘Hast du Angst vor dem Wasser, oder davor, zu versagen?’ ‘Ich weiß es nicht, Großvater.’ Danach schweigt der alte Mann für einen langen Moment, dann lächelt er. ‘Umzukulu, hab keine Angst und lass deine Wut los, denn sie steht dir im Weg. Wer nicht schwimmen kann, muss fliegen.’ Ich nicke ernst und noch bevor mir die Absurdität seines Ratschlags klar werden kann, wache ich wieder auf. Ich bin entschlossen, aber vielleicht ist es schon zu spät.

Ich nehme alle Energie zusammen, die ich noch habe, ich konzentriere mich. Lasse die Angst und die Wut gehen. Und zaubere. Flüstere, und doch hört sie mich. Ich bitte um eine zweite Chance, eine neue Gelegenheit. Ruhig, sachlich. Doch es ist zu spät. Schon holen sie mich, binden mich an den Pfahl. Binden mich an den Pfahl? Ein neuer Funken Hoffnung keimt in mir auf, doch bevor ich die Situation richtig einschätzen kann, trifft mich die Peitsche auf den nackten Rücken und ich werde schon wieder bewusstlos. Dann ist da Licht, vertraute Stimmen und ein neuer Tag beginnt, als wenn nichts gewesen wäre. Als wäre ich nicht fast wahnsinnig geworden, nicht fast gestorben.

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I Didn't See It Coming
Money makes the World go round

Und wieder hatte Elerion es getan…er hielt mich für zu ungeschliffen um die hochwohlgeborenen Damen im Tanz zu unterrichten. Wieder hat er es geschafft, mir vorzuhalten, dass ich noch viel zu jung und unerfahren bin. Aber bin ich das wirklich? Zumindest nicht in jeder Hinsicht. Die jungen Damen hätten sicherlich einiges von mir lernen können…
Er hat Jonathan den Vorzug geben! Dieser eingebildete Schnösel! Hat ein paar Liedchen geträllert und den Damen schöne Augen gemacht und jetzt ist er der Lieblingssänger- und Tanzlehrer von ganz Port Peril. Der soll es wagen mir noch mal unter die Augen zu treten…
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Das ist das letzte Mal, dass ich mich von Elerion habe gängeln lassen. Ich werde wieder in der Drunken Kraken auftreten. Das sieht er gar nicht gerne. Wahrscheinlich wird er mich dann endgültig rausschmeißen. Entweder das, oder ich komme gar nicht erst wieder zurück!
Mein Ärger verflog nur sehr langsam, als ich den Weg zum Hafen runter lief.
Ich betrat die Taverne “Drunken Kraken” und ging zum Wirt an der Bar. Hallo Tunner , rief ich, “Hast du heute Abend noch Verwendung für ein wenig Tanz und Gesang?”
“Livia, Schätzchen, dich hab’ ich ja ne halbe Ewigkeit nicht mehr hier gesehn! Dein alter Herr ist dir wohl auf die Schliche gekommen wie? Hast dich heimlich weggeschlichen um mal wieder nen netten Abend zu verbringen? Klar haben wir noch Bedarf an Unterhaltung für heute. Der Sänger von gestern hat wohl die Paella nicht vertragen. Du kannst soviel Sounten bestellen, wie du willst!”
“Danke, Tunner! Wie immer also. Ich leg dann gleich mal los.”
Der Abend schien ganz lukrativ zu werden. Plötzlich geriet ich fast aus dem Takt, ich könnte schwören, ich habe gerade Jonathan hier gesehen!
Ich beschloss, das Lied zu Ende zu bringen, und mich hier umzusehen. Hat mir mein Kopf einen Streich gespielt oder ist er wirklich hier. Falls nicht, würde sich sicherlich die Gelegenheit für den ein oder anderen Sounten bieten.
Jonathan schien nicht hier zu sein. Dafür aber ein ungehobelter Mistkerl, der mir einen Klaps auf den Hintern gab. Er lächelte mich vielsagend an und stellte sich als Master Scourge vor. “Wie wäre es mit einem Drink und einer kleinen Privatvorführung. Goldkehlchen? Es wird sich für dich lohnen!”
Wie oft habe ich diesen Satz oder ähnliches wohl schon gehört, Mistkerl, dachte ich bei mir. Aber was solls, ein Sounten sollte mindestens drin sein. Der Höflichkeit halber lies ich ihn erstmal bestellen.
Dann betraten ein paar merkwürdige Gestalten die Taverne. Eine Mischung aus üblem Schlägerpack und abegehalfterten Seemännern. Ich bemerkte kurz, wie sie scheinbar Blicke mit meinem Gegenüber austauschten. Das machte mich aber noch nicht wirklich misstrauisch, aber als in der Taverne reihenweise die Gäste von den Stühlen kippten, wurde mir klar, dass hier nicht nur der Fisch in der Paella faul war. Und das der Mistkerl gegenüber von mir bis zum Hals mit drin steckte. Ich wollte ihn gerade fragen, was für ein Spiel hier gespielt wird, als ich das Bewusstsein verlor…

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Keine Tanzstunde
oder wieso ich dringend Hilfe bräuchte

Emindreda Odabio

Seit ich heute morgen aufgewacht bin, gehe ich in Gedanken wieder und wieder den Brief durch, den ich meinem Vater schreiben würde, wenn ich Papier, Tinte, Feder hätte, und nicht mehr unter permanenter Beobachtung peitschenschwingender Piraten stehen würde. Er würde sehr respektvoll anfangen, vielleicht mit ‘Hochgeachteter Herr Vater’, denn ich brauche jedes bisschen, das ich für mich in die Waagschale werfen kann.
Und dabei fing es ganz harmlos an: Ich saß am Quai, wie so oft. Sah auf das Meer, wie so oft. Las in Großvaters Buch, wie so oft. Wirkte einen Zauberspruch, der tatsächlich funktionierte. Gut, dass ist noch nie passiert. Vielleicht erwischte es mich deshalb auch so kalt, als genau in diesem Moment mein Tanzlehrer Jonathan am Hafen auftauchte. Den hatte ich völlig vergessen! Aber wenn ich schon wieder zu spät zum Unterricht kam, würde mich mein Vater garantiert einen Kopf kürzer machen. Besonders nach unserem Streit beim Frühstück.
Es blieb mir also nur eine Möglichkeit: schnell weg hier! Links von mir das Meer, rechts von mir die Hafenmauer…. es gab also nur die Flucht nach vorne, in eine heruntergekommene Kaschemme, in die ich mich bislang noch nie getraut hatte, auch wenn mich die Musik und das Lachen manchmal schon in die Nähe des Eingangs gezogen hatten.
In dem kleinen, dunklen Raum war die Luft zum zerschneiden. Überall saßen zwielichtige Gestalten und ich drückte meinen Korb enger an mich. Als ich gerade einen Tisch erspäht hatte, an dem auch ein paar Frauen saßen, sprach mich ein Kobold in lächerlichem Aufputz an. Gut, vielleicht war das meine Möglichkeit, mich vor Jonathan zu verstecken. Eins mit meiner Umgebung werdend nahm ich lässig auf dem Baarhocker neben meinem neuen Freund Konchi Platz und nippte entspannt an dem sauren Wein, den mir der Barmann hinstellte. Unauffällig behielt ich die Tür im Auge, doch ich schien in Sicherheit zu sein.
So ein großer Tölpel neben mir kippte mir zwar sein Bier auf Ellas Kleid, aber ansonsten lief alles gut. Als ich gerade wieder gehen wollte, betraten ein paar finstere Gestalten die Kaschemme und dann. Tja, was dann? Dann war ich weg. Puf!
Als ich wieder aufwachte, pochte mein Schädel, meine Zunge war dick und belegt und mir war sofort klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Mit ein paar traurigen Gestalten war ich in einem hölzernen Käfig eingesperrt, der besorgniserregend schwankte. Waren das noch die Nachwirkungen von dem Gift, das mir ganz offensichtlich eingeflößt wurde? Oder konnte es etwa sein….
Es konnte. Und wie könnte ich das an meinen Vater schreiben? “Hochgeachteter Herr Familienvorstand, aufgrund einiger unglücklicher Verkettungen misslicher Umstände wurde Ihre werte Tochter von Piraten gefangen genommen. Noch ahnt niemand ihre wahre Identität und wahrscheinlich ist das ihr bester Schutz. Sie schickt euch Ihre verbindlichsten Grüße und bittet um eine baldige Rettung, falls sich das irgendwie in Ihren engen Zeitplan integrieren ließe, da sie weder so lebensmüde ist, in Turmhohen Netzen herumzuklettern, noch jemals die Feinheiten des Kochens und Schrubbens zu Erlernen die Gelegenheit hatte. Hochachtungsvolle Grüße aus einem tiefen Schlamassel, der missratene Nachwuchs.”

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