Dead Man's Jest

Logbuch des Kapitäns 7

Schon seit Tagen liegen wir im Hafen von Port Peril und ich habe endlich die Gelegenheit, das Logbuch auf den aktuellen Stand zu bringen. Und gerade in diesen letzten Tagen bin ich oft gefragt worden, wie wir den Schatz von Sirius Wolfe schlussendlich an uns bringen und seiner selbstgebauten Hölle entfliehen konnten. Und immer habe ich geantwortet: Dank den Fähigkeiten meiner Offiziere. Denn »a damsel loved and lost« zeigte sich als furchteinflößende Geistererscheinung, die uns durch ihr schrilles Geschrei fast außer Gefecht gesetzt hätte. Die mächtige Stimme von Nummer eins und perfekt platzierter Pfeil von Fletcher machten der Dame jedoch bald den Gar aus. Bei ihren Überresten fanden wir ein Amulett mit einem Bild, das vermutlich Angelina und Lord Canessen zeigte, ganz sicher konnten wir uns allerdings nicht sein. Dazu passen würde jedoch der Geist hinter Tür Nummer zwei, der noch die Spuren eines rauen Kielholens zeigte – konnte dies Haru Safael, der Geliebte von Angelina gewesen sein? Hier wartete ein noch eindrucksvolleres Lenkrad auf uns, dessen brillante Falle von Juris geschickten Händen zielsicher entschärft werden konnte. Erst später sahen wir, dass er nur knapp einem gewaltigen Speer entgangen war, der sich sonst brutal durch ihn gebohrt hätte.
Hinter Tür Nummer fünf aber erwartete uns die eigentliche Herausforderung von Mancatcher Cove. Hier hatte Wolfe seine ganze Crew bestattet – 18 Gräber lagen vor einem unterirdischen Fluss vor uns und in diesem lag eine kleine Insel, über und über voll mit Schätzen Was soll ich sagen. Von unserem gloriosen Kampf kann Livia viel besser singen. Es wurde knapp und ganz abseits des Mythos der Bezebel muss ich sagen, wir mussten uns irgendwann ziemlich flott mit dem Schatz aus dem Staub machen. Neben Gold und Juwelen fanden wir meisterlich gefertigte Waffen für uns und unsere gesamte Crew und ein Set Ohrringe, mit denen sich meine Offiziere untereinander und ich mich mit ihnen allen verständigen kann. Und dann nahmen wir Kurs auf Port Peril auf, womit die eigentlichen Schwierigkeiten begannen.
Wir wussten, dass wir nur im Ford Hazard unser Letter of Marquee bekommen konnten, waren uns aber nicht sicher, wie. In etwa einem halben Jahr schien es eine so genannte Captains Regatta zu geben – bis dahin sollten wir also besser offizielle Piraten sein. Bislang hatte immer der Master oft he Gales gewonnen, aber weil dieser jetzt in der Jury ist, machten sich viele aufstrebende Kapitäne Hoffnungen. Es galt also, sich schnell in der Stadt zu etablieren. Also machten sich meine Offiziere direkt daran, alte Kontakte wiederherzustellen, abgerissene Fäden neu zu knoten oder echte Neuanfänge zu wagen. Juri zeigte sich sehr erleichtert, dass sein Schützling Jinx in seiner Abwesenheit ihr gemeinsames Unternehmen zu großem Erfolg geführt hat und Livia gewann im Sängerwettstreit im Drunken Kraken gegen Lady Gay N. Joy. Wie mir die beiden und Fletcher später berichteten, waren sie in dieses Etablissement gegangen, um die Hintergründe unserer Entführung zu lichten. Juri verfolgte Tanner, den Wirt, und Maise, deren Verbindung zur ganzen Sache mir noch nicht klar geworden ist. Auch wenn sich beide meinen Leuten gegenüber sehr versöhnlich zeigten, bleiben wir vorsichtig.
Ich muss auch auf jeden Fall notieren, welch große Veränderung Fletcher in Port Peril durchgemacht hat. Seit ich ihn kannte trug er immer die gleichen dunklen Sachen, verhielt sich immer gleich unauffällig und schien manchmal mit seiner Umgebung ganz zu verschmelzen. Als er mich also nach einem guten Schneider in der Stadt fragte, ging ich davon aus, er wolle sich einen neuen Satz schwarzer Hosen machen lassen. Doch als er von Agatha und Amelie wiederkam, sah er aus wie ein Flottenadmiral, jeder Zoll ein Mann der See und Gentleman. Und es scheint mir auch, als habe er in irgendeiner Form Frieden mit seiner Vergangenheit gemacht und wäre bereit, den Kampf zu den Cheliaxianern zu tragen, statt sich weiter vor ihnen zu verstecken. Jetzt wo wir auch ein wenig mehr über seine Geschichte erfahren haben, muss ich diesen Mut noch mehr bewundern. Livia hat sich unterdessen wieder mit ihren alten Kontakten in der Bardengilde in Verbindung gesetzt und die politischen Freundschaften, Feindschaften, die Konkurrenz und die unausgesprochenen Zusammenhänge, von denen sie mir nur andeutungsweise erzählt hat, lassen meine Ohren klingeln und meinen armen Kopf reichlich verwirrt zurück – und das, obwohl mein Vater seit meinem fünften Geburtstag neben höfischen Umgangsformen vor allem die Kunst der Politik in mich und meine Geschwister getrichtert hat! Vielleicht muss ich ihm dafür jetzt dankbar sein, auch wenn ich jede einzelne Tanzstunde, die ich besuchen musste, weiterhin für im höchsten Maße überflüssig halte.
Und wo ich schon bei meiner Familie bin – endlich habe ich Enuel wiedergesehen und mein Umkhulu hat sich nicht ein bisschen verändert – noch immer ist er voller Leben, voller Ideen und voller Großzügigkeit. Und noch immer schaut er im ›Dralle Törtchen‹ jeder drallen Kellnerin und jedem drallen Bäcker auf den ebensolchen Hintern. Es war eine wahre Freude, ihm von unseren Abenteuern und Erlebnissen zu erzählen und ich habe es genossen, wie seine Augen bei jeder neuen Wendung geleuchtet haben.
Was soll ich von unserer Erhebung in den Piratenstand erzählen? Es ging viel schneller und war zugleich viel aufwändiger, als ich dachte. Doch Stormlord Kurduk ist auch nur ein Pirat wie alle anderen – schöne Frauen, reiche Geschenke, sportliche Wettkämpfe und prunkvolles Zeremoniell waren alles, was es brauchte, um ihn zu überzeugen. Wir haben uns wirklich gut geschlagen, Fletcher ist wie ein Äffchen geklettert, Juri hat What’s Up Goldtooth beim Kartenspiel geschickt geschlagen, Livia unsere Geschichte in eine packende Ballade gepackt und ich habe hauptsächlich versucht, wie ein Kapitän auszusehen und nicht das falsche zu sagen.
Bei der großen Abendgala in Fort Hazard wurden wir also in den Kreis der Piraten der Inner Sea aufgenommen und direkt von unseren neuen Kollegen begutachtet. Der Master oft he Gales, Captain Pierce Jerrell und Captain Tessa Fairwind scheinen alle ihre eigenen Interessen zu verfolgen – wir müssen vorsichtig sein, vor welches Schiff wir uns spannen lassen. Pierce scheint ein guter Freund von Pegsworthy zu sein – vielleicht sind unsere Anliegen daher gar nicht so verschieden. Und wie sich später herausgestellt hat, kennen Tessa und Fletcher schon länger beruflich. Das macht sie einerseits zwar vertrauenswürdiger, andererseits ist ihre Rebellion gegen Kurduk beinahe schon zu offen, um sie zu einer sicheren Alliierten zu machen. Hier wird es wahrscheinlich in naher Zukunft ›Alles oder Nichts‹ heinßen.
Noch am selben Abend besuchte Livia das große Fest der Barden, wo sie anscheinend meinem Bruder getroffen hat. Gut für ihn, dass er sich so amüsiert! Wie ich es von meiner Nummer eins erwarte, gewann Livia auch bei dieser Feier souverän einen Sängerstreit und ich glaube, wenn wir hierblieben, hätte sie gute Aussichten in der Gilde. Ich kann nur hoffen, dass sie uns nicht für diesen Haufen tanzstundengebender Jonathans verlässt.
Am nächsten Morgen brachte uns Fletcher eine Einladung von Tessa auf ihr Schiff, die ›Luck of the Draw‹. Nach einigen Höflichkeiten erklärte sie uns, Cheliax sei kurz davor Port Peril anzugreifen und Barnabas habe in Port Peril angelegt. Ich weiß nicht, welche von beiden Nachrichten mich mehr beunruhigt. Wir haben mit einigen Vorbehalten, aber doch überzeugt einen Auftrag von ihr angenommen, die Hintergründe des möglichen Angriffs zu erforschen. Wir sollen nach Mutaku Isle in Quent segeln und dort im House of Stolen Lasses, dem Tempel der Calistia, einem Bordell (ziemlich verwirrend, ich weiß) nach der Hohepriesterin Dindrian fragen, die uns weitere Informationen geben könnte. Auch im Tempel oft he Hidden Name of Nogorbär, dem Reaper of Reputation, in Beach Comber of Bag Island könnten wir weiter kommen, sagt sie.
Unser Ziel ist dabei, einen Spion zu entlarven, der den Cheliaxianern Informationen über Piratenschiffe – besonders aus der Flotte von Captain Pegsworthy – zukommen lässt, zu enttarnen. Für die Lösung dieser Aufgabe hat sie uns 4.000 Goldstücke versprochen und eine magische Wetterkarte haben wir bereits als Geschenk von ihr erhalten. Wir stecken also mächtig tief drin in ihren Plänen, wo auch immer sie uns hinführen.
Als wir im Riptide Alehouse versucht haben, unsere Crew aufzustocken, kam es zu einem harten Kampf zwischen uns und Caulky Terroon, der Gespielin von Captain Harrington. Schlussendlich konnten wir sie jedoch an einem ruhigen Plätzchen gefangen nehmen…

View
Logbuch des Kapitäns - 6
In Wolfe's Höhle

Unsere Suche nach dem Schatz von Sirius Wolfe hat uns an seltsame Orte geführt. An der Stelle, die uns das Rätsel der heiligen Nuss angezeigt hatte, fanden wir tatsächlich einen versteckten Höhleneingang, den schon lange niemand mehr benutzt zu haben schien. In der Höhle fanden wir einen Flusslauf und ein verstecktes kleines Boot, über dessen Zweck an diesem Ort wir spekulierten – ein schneller Fluchtweg oder der einzige Weg zum Schatz? Nach einigem hin und her entschieden wir uns jedoch dagegen, dieses Gefährt zu besteigen und der Strömung zu folgen. Stattdessen untersuchten wir das Tunnelsystem auf der anderen Seite des Flüsschens. Wir trafen auf einen Eyekiller, der uns in einen heftigen Kampf verwickelte. Als er Juri mit seinem schönen Schwanz umschlungen hielt, dachte ich kurz, es sei aus mit dem alten Mann. Aber er ist doch zäher, als man denkt. Entgegen meiner Entscheidung, die Bestie leben zu lassen und weiterzuziehen bestanden Livia und Juri darauf, das Problem endgültig zu lösen. Auf unserem weiteren Weg wären wir fast von einer riesigen Katapultkugel erschlagen worden, die plötzlich auf der Decke eines Höhlenraumes auf uns niedersauste, aber mit einigem Glück konnten wir ohne weitere Verletzungen tiefer in die Eingeweide dieser unterirdischen Festung eindringen. Hinter einer rostigen Eisentür trafen wir auf sieben Jujuzombies, die wir allesamt zur Strecke brachten. Bei Ihnen fand sich die eigenartige Nachricht »Made with loving care – Grunesha the Crone«. Unser gemeinsames Wissen gaben her, dass Grunesha für Wolfe gearbeitet hat und irgendjemand meinte sich auch von einer geheimen Liebe der alten Frau für ihren Kapitän munkeln gehört zu haben.
Bald darauf trafen wir auf einen grotesken Fleischdämon, der aus Teilen gestorbener Matrosen zusammengesetzt zu sein scheint. Nach einer seiner vielen Tätowierungen nennen wir ihn Davy und tatsächlich konnte ich erraten, dass das Codewort, mit dem man ihn kontrolliert, ›Sirius‹ ist kontrolliert so konnten einen Kampf mit ihm vermeiden. Dass uns dieses Untote Wesen jetzt begleitet ist mir gar nicht recht und ich hoffe meinen Leuten ist klar, dass wir ihm am Ende unserer Mission den Frieden schenken müssen, den er – oder vielleicht besser, den sie alle – schon so lange verdient haben.
Eine Druckfalle, die uns fast erwischt hätte, konnte Juri geschickt ausschalten und so kamen wir in eine Höhle, deren Boden teilweise unter Wasser lag. Hier trafen wir auf den Sumpftroll Deg, den Livia in ein Gespräch verwickelte und sein Vertrauen gewann. So konnten wir erneut eine körperliche Auseinandersetzung vermeiden. Wir kamen zwar nicht an seine Schatzkiste ran, aber waren ja auf der Suche nach einer ganz anderen Größenordnung von Beute. Deg berichtete uns davon, dass es laut Wolfe auf dieser Insel einen Dämon gäbe, vor dem auch wir uns in Acht nehmen sollten, wenn wir die Höhle wieder verließen.
In einer Flurbiegung entdeckte Juri einen Geheimgang, der uns in einen unheimlichen Raum mit einem Altar in der Mitte führte. Die Statue dahinter zeigte ein furchterregendes Monster, das ein Steuerrad in seinen Händen hielt. Das dort eingravierte Rätsel »On the altar give to me, that which sets a demon free«. Aus linguistisch völlig hahnebüchenden Gründen hielt Fletcher das Wort Dämon für eine Form von Freibeuter. Tatsächlich scheint der Autor dieser Zeilen – und das kann ich als Kennerin mehrerer alter Sprachen nun wirklich beurteilen – seinen Irrtum geteilt zu haben. Denn mit der Assoziation Tod, Hinrichtung, Erhängen, Seilschlaufe konnten wir den Mechanismus starten.
Das Steuerrad hat sechs Griffe und jeweils eine kann man dem Dämon in die Hand geben. Die Sätze dazu schienen sich alle auf die Geschichte Wolfes zu beziehen, aber auch großes Unheil zu verkünden:
1: a damsel loved and lost
2: a pirate who paid the cost
3: a wheel and captains gold
4: sharp adventure for the bold
5: 18 graves tell every story
6: a burning molten glory
Wir kramten zur ersten Zeile in unseren Erinnerungen und jemand wusste, dass ein gewisser Gouverneur von Port Peril namens Lord Canessen einst mit einer Angelina verlobt war, die sich dann jedoch in einen Haru Safael verliebte und zu ihm floh. Canessen wurde ihrer jedoch habhaft und sperrte sie lebendig in einen Sarg ein, den Sirius Wolfe versteckt haben soll. Vielleicht hier?
Wir entschlossen uns, dass die Nummer drei fürs erste am attraktivsten klang und probierten sie aus. Es zeigte sich uns ein Geheimgang, der in ein üppig ausgestattetes Kapitänszimmer führte. Das prachtvolle Steuerrad an der Wand war mit einer Falle gesichert, die Juri jedoch entschärfen konnte und so ging es absolut rechtmäßig in unseren Besitz über. Ansonsten fanden wir in diesem Raum jedoch bis auf ein paar interessanten Notizen nichts von Wert und so hieß es das Rad des Dämons auf ein Neues zu drehen…

View
Logbuch des Kapitäns - 5

Mein Großvater liebte Rätsel, er kannte eines für jede Himmelsrichtung, und jede Jahreszeit. Er kannte Rätsel mit Katzen, Rätsel zum Lachen, magische Rätsel und natürlich vor allem solche, die die Kinder nicht verstehen und die jungen Damen rote Flecken auf die Wangen zauberten. Manchmal glaube ich, er hat nur deshalb begonnen, so viel Zeit mit dem Schamanen Iskaa zu verbringen, weil dessen Schatz an Rätseln noch größer war als der von Opa Enuel. Wie sehr ich wünschte, die beiden wären jetzt bei mir! Nicht nur, weil ich jeden von ihnen nach wie vor schmerzlich vermissen, sondern auch, weil sie sich sicher im Handumdrehen einen Reim auf diese eigenartige Insel zu machen wüssten.
Nachdem wir die Meuterei an Board der Bezebel verhindert hatten, setzten wir wieder Kurs auf Mancatcher Cove. Die Insel, die wir als Ziel ausgemacht hatten, ließ sich leicht umrunden und auch von den tückischen Klippen, die wir erwartet hatten, fand sich nichts. Stattdessen segelten wir in eine außergewöhnlich tiefe aber ebenso friedliche Schlucht und selbst ein kurzer Flug durch das Blätterdach über uns lieferte keinen Grund zur Besorgnis. Vielleicht muss ich aber auch einfach noch lernen, besser hinzusehen.
Während der ersten Wache – ich saß gerade bei einem kleinen Glas Wein über unseren Notizen – ertönte ein lauter Schrei. Ich stürzte nach draußen und fand die Crew bereits in heller Aufregung. Es dauerte eine Weile, bis ich mir einen Überblick verschafft hatte. Ein seltsames mistelähnliches Baumwesen schien mit seinen langen Tentakeln Mitglieder meiner Crew zu sich hoch in die Wipfel zu ziehen! Badger und der von uns allen über die Maße geschätzte Greg der Tätowierte landeten in seinen Fängen. Natürlich stellten wir uns entschlossen zur Wehr. Meine Nummer eins war wie immer sofort ganz vorne im Kampf und ließ sich von dem unbekannten Wesen in sein Nest ziehen, Juri und Fletcher ließ ich fliegen und folgte ihnen nach. Wir beschossen das Wesen mit unserer Harpune, schlugen es mit unseren Säbeln und konnten schließlich in die Knie zwängen. Badger überlebte mit knapper Not, doch Greg den Tätowierten werden wir bei so vielen Gelegenheiten schmerzlich vermissen. Ich weiß nicht, ob die Crew ohne ihn jemals das Gleiche sein kann.
Am nächsten Morgen machten wir uns daran, Mancatcher Cove ihre Geheimnisse zu entreißen. Unweit von uns entdeckten wir bei Sonnenaufgang einen in den Felsen gehauenen Totenkopf und machten uns zu einer Expedition in sein rechtes Auge auf. Hatten wir doch auf dem Rücken der Lady gelesen: »From blue bight’s embrace / Spy the Grave Lady’s prize tooth / With the Dawn Flowers’s first kiss / Climb the Captain’s wayward orb / To claim old king’s hoard.« Da wir wussten, dass Wolfe an Stelle seines rechten Auges ein Glasauge trug, schien die Sache glasklar und wir waren gewiss, mit einem großen Schatz zu unserer Mannschaft zurück zu kehren.
Doch die Sache wurde sehr viel schwieriger, als wir gedacht hatten. Die Höhle hinter der Augenöffnung führte uns mitten auf die Insel. Nachdem wir einigermaßen ratlos auf die Landschaft aus Seen, Bergen und Wäldern geblickt hatten, die sich malerisch vor uns ausbreitete, half uns ein erneutes Studium der Hüfte der Lady weiter. Dort fanden wir mehrere codierte Zeichenreihen, die nach einigem Knobeln Sinn für uns ergaben: »From the dead tree in the swamp to south half way to mount Dragon. Stop where you cross the road is he holy nut.«
In der Ferne konnten wir einen markanten Baum erspähen, der offensichtlich nicht nur besonders alt, sondern auch schon besonders lange tot zu sein schien, und in der Mitte zwischen diesem und einem relativ hohen Berg schien eine alte Wegkreuzung zu liegen. Natürlich machten wir uns sofort in diese Richtung auf. Es wäre doch gelacht, wenn wir den Schatz des alten Wolfe nicht in unseren Besitz bringen könnten….

View
Logbuch des Kapitäns - 4

Ich habe gerade einen Mann hinrichten lassen. Kaltblütig. Mittlerweile sind schon einige gestorben, die mir im Kampf gegenüberstanden, aber das war anders. Vielleicht musste ich mich aus deshalb übergeben, als ich wieder in meiner Kajüte war. Marindo hat den Eimer unauffällig mitgenommen, deshalb lieben Kapitäne ihre Schiffsjungen also so sehr. Ich wollte schlafen, aber die Sonne schien hell durch mein Fenster und wir haben so vieles zu erledigen und so wichtige Entscheidungen zu fällen, dass ich nicht zur Ruhe kam. Marindo kam mit einem heißen Grog aus der Kombüse wieder und obwohl ich zuerst skeptisch daran roch, hat er mir gutgetan. Aber von vorn.
Nach der wunderbaren Hochzeitsfeier von Agasta und Juri wurden wir heimtückisch überfallen und wissen immer noch nicht, was dahintersteckte. Isabella Inkskin Locke hat mit Hilfe eines Schiffes unter Captain Tresher versucht, die Lady des Rock zu töten. Oder ging es um etwas Anderes? Sie schien im Bunde mit den Sauagin zu stehen, aber auch das wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Mit vereinten Kräften gelang es uns jedoch, diesen Angriff zurückzuschlagen und die Hexe zu töten. Am nächsten Morgen saßen wir schon wieder beim Frühstück zusammen und ich frage mich, ob es jetzt immer so sein wird. Ob sich Kämpfe und Lebensgefahr in Zukunft regelmäßig mit neuen Freunden und gutem Essen kreuzen werden. Wir hofften bei der Suche nach unserem nächsten Ziel von Agastas Erfahrung zu profitieren und tatsächlich konnte sie uns eine interessante Spur zeigen.
Ihr erster Mann, Iron Bert Smythee, war wie besessen vom Schatz des Sirius Wolfe. Ich hatte den Namen noch nie gehört, aber Livia wurde ganz aufgeregt, hat kurz ihre Harfe gestimmt und dann sofort eine Ballade zum Besten gegeben. Sirius Wolfe war vor etwa hundert Jahren ein sehr mächtiger Pirat, der kein Interesse an der Stormcrown hatte, aber reichlich Beute gemacht hat. Er war der dunklen Magie verfallen und hat einen Pakt mit einem Dämon, einem Teufel oder einem anderen mächtigen Wesen geschlossen, der ihn nicht altern ließ. Die Stadt Thuvia hat er am helllichten Tag angegriffen, ihre Flotte im Hafen verbrannt und viele Gefangene genommen. Ein Minenschiff der Katapeshi machte ihn unfassbar reich, bevor ihre Rache ihn das Leben kostete. Seinen Schatz hat er aber vorher versteckt und der größte Teil davon soll in der sogenannten ‚Mancatcher Cove‘ liegen und wurde noch nicht gefunden. Iron Bert nun hat alle Spuren, die er finden konnten auf die Haut seiner Frau tätowieren lassen.
Es war schon eine seltsame Situation, wie wir alle bei Kaffee und Gebäck saßen und die Lady of the Rock vor uns ihre Hüllen fallen ließ, aber bald waren wir so tief im Knacken des Rätsels verstrickt, dass wir die nackte Haut unter der Tinte kaum noch wahrnahmen. Oder zumindest ging es mir so. Einige zusammenhängende Verse weckten unser Interesse und wir vermuteten, dass Iron Bert wichtige Informationen in ihnen kodiert hatte. Tatsächlich erwiesen sie sich als Rätsel für die vier Begriffe ‚Krake‘, ‚Stormcrown‘, ‚Heimat‘ und ‚Vulkan‘. Wir holten unsere große Seekarte und fanden bald schon Orte in den vier Ecken dieser Gegend, die ihnen entsprachen. Die Stormcrown hat ihren Sitz in Port Peril, Iron Berts Heimat ist der Rock und zwei berühmte Inseln – eine krakenförmig, eine mit großem Vulkan, ergaben vier Punkte für zwei sich kreuzende Linien. Konnte im Schnittpunkt die Mancatcher Cove liegen? Immerhin war die kleine Inselgruppe, die dort liegt relativ groß über den Bauchnabel unserer Gastgeberin tätowiert und das östlichste Fleckchen des Archipels besonders markiert worden. Wir konnten den Schatz von Sirius Wolfe schon förmlich vor uns sehen! Sogar Agasta war so überzeugt von unserer Lösung, dass sie am nächsten Morgen mit uns in See stach.
Vielleicht hätte sie sich das zweimal überlegt, hätte sie geahnt, auf was für eine Reise sie sich da begab. Die erste Woche verging relativ ruhig, aber dann reihte sich ein seltsames Ereignis an das andere. Fletcher ist sich sicher, die Island oft he Dawn im ersten Morgenlicht gesehen zu haben. Wir fuhren zwar entschlossen weiter, aber ich habe die Stelle mal auf unserer Karte vermerkt. Wenig später trafen wir auf eine Gruppe schiffbrüchiger Rahadoumi und brachten sie nach Alenduran Harbour, wo wir zumindest ein kleines Sümmchen für ihre Rettung erhielten. Vier der Händler beschlossen, sich uns anzuschließen. Doch wie sich zeigte, bleibt keine gute Tat ungesühnt.
Auf dem Weg dahin trafen wir auf Afruga den Djinn, der einen Handel mit Juri abschloss und bei der Weiterfahrt fand der alte Mann unseren kleinen Marindo als schwarzen Passagier zwischen der Fracht. Doch das waren nicht die seltsamen Ereignisse. Seltsam war, dass die geschickte Badger so übel aus der Takelage stürzte und der aufmerksame Fletcher bei seiner Nachtwache einschlief. Seltsam war auch, dass im Lager ein Feuer ausbrach, das wir uns nicht erklären konnten. Als eins unserer Crewmitglieder ermordet aufgefunden wurde, waren wir uns jedoch sicher, dass etwas sehr gründlich falsch lief.
Simara war ein junger Gnom und sie arbeitete bei Ambrose als Küchenmädchen. Alle hatten sie gern und besonders mit Kit dem neuen Jungen hatte sie sich richtig angefreundet. Wer würde sie erstechen? Ich hatte keine Ahnung, doch mir war klar, dass ich ein solches Verhalten an Bord meines Schiffes nicht dulden konnte. Der Dolch in Simaras Rücken war rahadoumisch und das machte uns Sorge, denn nach dem Brand im Lager hatte Crimson Cogwart einen der neuen Rahadoumi bezichtigt, das Feuer gelegt zu haben und so heftig gegen die Gruppe gewettert, dass Livia ihm disziplinarische Maßnahmen androhen musste… Konnte dies ein plumper Versuch sein, uns zum Handeln zu zwingen?
Wir ließen keinen Weg ungenutzt, die Sache aufzuklären. Fletcher und Juri durchsuchten das Boot und wir fanden Blutflecke oben am Rettungsboot. Livia beschwor einen Spürhund, der Simaras Blut auf Shivikas Stiefeln fand. Um für diese Suche freie Bahn zu haben, hatten wir die ganze Crew zu einer Feuerschutzübung an Deck antanzen lassen und Shivika gestand vor allen den Mord und ihre Absicht, damit die Rahadoumi zu diskreditieren, die heimlich eine Meuterei planen würden. Was sollten wir damit anfangen?
Ich nahm mir den ältesten Rahadoumi, Vasjell Ibn Mahar, und Crimson persönlich vor, aber das führte zu nichts. Auch Sandara und Agasta, die bei den Gesprächen anwesend waren, konnten keine klare Vorstellung von den Machenschaften der einen oder anderen Seite entwickeln. Dass anscheinend ein rahadoumischer Dolch aus unserem Waffenarsenal beim Brand entwendet wurde, machte die Sache nicht einfacher. Juri und Fletcher fanden wenig später ein ganzes Waffenarsenal aus unseren Vorräten in der Bilge versteckt, bei dem auch mehrere Flaschen eines Giftes lagen.
Dass dieses Gift seine Opfer schläfrig macht und in unser Rumfass gekippt worden war, dass Simara dazu freien Zugang hatte und ihre Freunde an Bord vor dem Genuss von Rum gewarnt hatte, dass auch die von mir verhörte Shivika eine Verbindung zwischen den Rahadoumi und Simara herstellte… all das erhärtete unsere Befürchtung, dass wir es hier tatsächlich mit einer handfesten Meuterei zu tun hatten. Gerade, als wir die Rahadoumi festsetzen wollten, stürmte Jack in unser Treffen und sagte uns, dass eines unserer Rettungsbote verschwunden sei. Eine kurze Prüfung der Mannschaft ergab, dass alle sieben Rahadoumi mit ihm das Schiff verlassen hatten. Wir wägten unsere Möglichkeiten gegen die Risiken ab – wurden wir von den Rahadoumi aus Alenduran Harbour verfolgt? Und wenn ja, wann wäre ihr Schiff da? Konnten wir riskieren, die Geflohenen zurück zu lassen oder würden sie das Ziel unserer Reise verraten? Wussten unsere Verfolger vielleicht sowieso schon, wohin wir wollen?
Wir fanden das Beiboot am Strand einer nahen Insel und beschlossen, die Saboteure zu stellen. Wir gaben Shivika die Chance, ihr Fehlverhalten wieder gut zu machen, indem sie unsere Mission unterstützte und sie nahm das Angebot sofort an, auch wenn ich ihr sagte, dass sie auf dieser Insel bleiben würde. Sie begleitete also Juri, Knuckles, Livia, Fletcher und mich. Auf der Insel angekommen flog ich auf der Suche nach ihrem Lager durch den Jungle und sorgte für ein wenig Ablenkung. Trotzdem war es ein harter Kampf, denn wir hatten es nicht mit bloßen Händlern, sondern ausgebildeten Kriegern zu tun. Vasjell selber war sogar in der Lage, blutrünstige Affen zu beschwören, die Fletcher fast das Leben kosteten.
Doch am Ende musste er sich geschlagen geben, seine Männer tot und er von Livia gefesselt und überwältigt. Gerade habe ich ihn hängen lassen. Ob Shivika wirklich auf der Insel geblieben ist, weiß ich nicht. Denn als ihr Leichnam verbrannte, schien es mir, als sei ihr Geist aufgestiegen und vom Wind fortgeweht worden an einen glücklicheren Ort. Uhambo Olumnandi, gute Reise dir und uns.

View
Logbuch des Captains - 3

Logbuch der Bezebel, einundzwanzigster Eintrag des Kapitäns
Auch wenn es fast unglaublich scheint, ging unser Plan, dem cheliaxinischen Ungetüm von einem Schiff aus dem Weg zu gehen, fast ohne Schwierigkeiten auf. Wir haben trotzdem zugesehen, schnell ein paar Meilen zwischen uns zu lassen und so segelten wir eine ganze Weile grob Richtung Süde, bevor wir uns an die Planung unserer nächsten Schritte machten. Noch immer verfolgen wir das Ziel, uns einen Namen als Freibeuter zu machen, damit Captain Pegsworthy uns mit auf seinen glorreichen Zug gegen die Pest des falschen Todes mitnimmt.
Doch auch die Kombüse will gefüllt und die restlichen Schulden bei Rickety Squibb beglichen werden, mal ganz abgesehen davon, dass unsere Mannschafft mittlerweile so groß ist, dass volle Taschen für alle bedeutet, dass wir keine günstige Gelegenheit auslassen dürfen. Ich weiß ehrlich nicht mehr, wer zuerst die Idee hatte Richtung Tidewater Rock zu segeln und muss sagen, dass mir auch im Nachhinein noch nicht ganz klar ist, ob wir jemals einen guten Grund dafür hatten. Aber so scheint es auf See manchmal zu sein – sich treiben zu lassen führt einen an die interessantesten Orte.
Winward Isle ist sicherlich einer davon, obwohl wir bislang nur Tidewater Rock, die Piratenfestung über der Lagune, gesehen haben. Die Herrin der Burg, Agasta Smythee, hat uns überraschend freundlich empfangen und meine Offiziere und mich großzügig bewirtet. Das feine Porzellan, die üppigen Lüster und grazilen Weinkelche – fast erschien es mir, als wäre ich wieder in Port Peril und zu Gast bei Lady Grace Winwood, die immer leicht nach Mottenkugeln roch und deren Dinnerparties das absolut Langweiligste waren, was ich mir vorstellen kann. Doch auch wenn den Kartoffeln etwas Salz fehlte, ist die Lady oft he Rock dem alten Holzwurm in keiner Weise ähnlich. In ihren Augen funkeln Neugierde und Misstrauen um die Wette, ihre Haltung und scharfer Ton sprechen von langen Jahren, in denen niemand ihre Befehle in Frage gestellt hat. Doch im Laufe des Essens wurde die Stimmung zunehmend entspannter und sogar der strenge Seargant Royster McCleagh schien mir sein Misstrauen uns gegenüber nach und nach abzulegen.
Bald schon fanden wir heraus, dass wir in Barnabas Harrington einen gemeinsamen Feind haben, denn eben dieser hat Agastas Ehemann Iron Bert Smythee gemeinsam mit Carola Antiochus in den Tod gelockt. Doch den Felsen konnte Harrington unserer Gastgeberin nicht entreißen, auch wenn mir scheint, dass sie mit ihrer Unbeugsamkeit einen goldenen Käfig für sich selber erschaffen hat.
Vielleicht fiel es uns auch deshalb nicht schwer, ihre Gunst mit Musik und Geschichten, mit Neuigkeiten und verrückten Plänen zu gewinnen. Noch am gleichen Abend sprachen wir über eine Allianz zwischen der Bezebel und dem Rock. Agasta schlug sogar vor, diese mit einer Ehe zu besiegeln. Was folgte war ein seltsam stiller Moment, in dem unser diplomatischer Erfolg spürbar auf der Kippe stand. Mein Blick ging im Saal herum und blieb an Juri hängen. Das Alter schien mir ganz gut zu passen und es stand auch nicht zu befürchten, dass er uns für eine wilde Romanze leicht verlassen würde. Was soll ich sagen, wenig später schon stießen wir auf die Verlobung an und der Abend endete in einem schwungvollen Tanz.
Am nächsten Tag hatten wir die Lady und ihren Hofstaat auf die Bezebel gebeten. Obwohl sie wohl schon so manches Schiff gesehen hat, schien ihr unser Mädchen zu gefallen. Und unser alter Junge stieß auch noch bei Tageslicht auf ihre Zustimmung. Seit ein paar Stunden schuftet, singt und flucht Ambrose in der Kombüse um die perfekte Hochzeitstorte für Agasta und Juri zu backen. Der Rest der Mannschaft richtet das Schiff für die Feier heute Abend her und die Stimmung an Board ist ungewohnt fröhlich, fast schon überschwänglich. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, was Juri von seinem Glück hält und ob der zukünftige ‚Lord oft he Rock‘ seiner Hochzeitsnacht mit Freuden entgegensieht – wir alle haben eine grandiose Feier verdient.

View
Logbuch des Kapitäns - 2

Logbuch der Bezebel, zwanzigster Eintrag des Kapitäns

Die Lage ist mal wieder aussichtslos. Und mit aussichtslosen Situationen kennen wir uns aus. Unser Kampf mit der Deathknell hatte uns angeschlagen, aber auch stolz zurückgelassen. Noch immer steckte jedoch so manchem das Grauen tief in den Knochen, die Captain Whalebones Geisterschiff verbreitet hatte. Man tritt schließlich nicht jeden Tag gegen eine lebende Legende an, wobei lebend hier vielleicht der falsche Begriff ist. Dabei waren es weniger die Zombiepiraten, der brutale Walfänger oder die Todesglocke, die meinen Leuten noch immer zu schaffen machen, es ist mehr die Erinnerung an die eigene Angst, an den nackten Horror, der so manchen erfasst hatte. Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Crew die Konfrontation, die erst mit der Zerstörung der unheimlichen Glocke endete, mit vergleichsweise geringen Verlusten überstanden hat. Das schaurige Klingeln werden die meisten aber noch lange Zeit noch in ihren Träumen hören.
Jede Freude darüber, noch am Leben zu sein, konnte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir ein Leck in unseren Wasservorräten hatten und jedes weitere Überleben davon abhing, Frischwasser aufzunehmen. Die anderen Sorgen, die uns weiterhin drücken – der aufgenommene Kredit, die Suche nach Ruhm und Spesen, eine Mannschaft bei Laune zu halten und unsere Verluste in derselben wieder auszugleichen, wurden auch nicht leichter.Wir entschlossen uns also, unser Gluck auf Muntaku-Island zu versuchen und zumindest unsere Vorräte an Wasser aufzustocken. Um die Sache kurz zu machen: Wasser haben wir gefunden, aber auch einen Drakolisken, der uns ganz schön zugesetzt hat. Doch das ist nicht das Schlimmste. Kaum waren wir wieder an Board und bereit, die Segel wieder Richtung offene See zu setzen, da entdeckten wir einen gigantischen Viermaster unter Cheliax-Flagge, der uns den Weg durch den Wasserkanal versperrt. 20 Ballistae und eine Mannschaftstärke von locker 100 Mann, zwei große Katapulte und ein Name, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wer legt sich schon mit dem ‚Dominator‘ an? Wir sind zu schwach, um uns zum Kampf zu stellen und zu groß, um ohne weiteres an ihm vorbei zu schlüpfen.
Dementsprechend ist unser Plan im besten Fall riskant, im schlimmsten Selbstmord, besticht aber durch seine Schlichtheit. Meine Rolle dabei ist denkbar einfach: Ich gehe an Land und starte eine kleine Lichtshow zur Ablenkung, während Fletcher, Juri und Liv an Board des Dominators gehen und sein Ruder sabotieren. Während die Leichenfreunde nach Norden schauen, schleicht sich die Bezebel an ihnen vorbei Richtung Meer und wenn der Steuermann hilflos an seinem lahmen Ruder dreht, schwimmen und fliegen wir alle zu unseren Planken zurück…

View
Logbuch des Kapitäns - 1

Logbuch der Bezebel, erster Eintrag des Kapitäns
Kapitän. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, denn alles ging so schnell. Noch vor wenigen Tagen waren wir Gefangene, die ständig um ihr Leben fürchteten – jetzt sind meine Freunde und ich Besitzer eines Schiffes. Rickety Hake hat unsere Bezebel mit seinen Jungs ordentlich überholt und in seinem kleinen Nest haben wir auch das eine oder andere Mitglied für unsere neue Besatzung gewinnen können. Noch viel besser aber war unsere glückliche Begegnung mit Captain Pegsworthy, der eine Piratenflotte zum Kampf gegen Cheliax zusammenstellt. Welch ein Wink des Schicksals! Heute laufen wir aus dem Hafen und Rickety’s Squibb, um unsere erste Herausforderung zu suchen. Es wäre doch gelacht, wenn wir uns nicht einen furchterregenden Ruf erwerben können, um mit Pegsworthy segeln zu können.
Logbuch der Bezebel, zweiter Eintrag des Kapitäns
Was schreibt man eigentlich in so ein Logbuch? Zur Anleitung liegt mir nur das Exemplar meines Vorgängers der Rahadoumi vor und ich muss sagen, das war ein wirklich trübsinniger Geselle. Aber was soll ich sagen? Die See ist ruhig, die Sonne scheint und noch kein Schiff zum Kapern in Sicht.
Logbuch der Bezebel, dritter Eintrag des Kapitäns
Das erste Schiff, das wir kapern und direkt ein großer Fisch. Der Kampf war hart, die Beute reich… aber anscheinend haben wir uns direkt mit dem Aspis Konsortium angelegt. Das wird noch Ärger geben, befürchte ich. Andererseits aber wollen wir ja als Piraten gefürchtet werden und das wird nicht gehen, ohne sich auch ein paar Feinde zu machen.
Logbuch der Bezebel, achter Eintrag des Kapitäns
Ich bin stolz auf meine Crew, denn wir haben heute unseren ersten Kampf gegen Cheliax gewonnen und dabei die Besatzung eines stolzen Piratenschiffes gerettet. Es ging einfach alles glatt und so langsam glaube ich, dass wir tatsächlich Erfolg haben könnten.
Logbuch der Bezebel, zehnter Eintrag des Kapitäns
Heute sind wir in Port Senghor gelandet, um unsere Ladung zu löschen und das von den Cheliaxianern erbeutete Schiff zu verkaufen. Der Tag verging schnell und sehr angenehm. Mit Livia, Juri und Fletcher an Land hatten wir schnell eine kundige Führerin in Liane gefunden und in der Blauen Auster war das Essen eine willkommene Abwechslung, obwohl Fishguts so langsam zu echter Hochform aufläuft. Diese Liane gefällt mir ausgesprochen gut und wir sollten versuchen, sie für unsere Crew anzuwerben. Schnell hatte sie ein paar Händler an der Hand, die uns ein Angebot für unsere ganze Ladung machen sollen. Nur, was wir mit dem erbeuteten cheliaxianischen Schiff machen, weiß ich noch nicht.
Livia hat schnell einen älteren Herrn gefunden, der ihr nicht nur die Drinks spendierte, sondern auch zum Rat der Stadt gehört. Kein Wunder, dass meine findige Nummer Eins sich für eine Privatvorführung später am Abend engagieren ließ. Noch immer ist sie noch nicht zurück und ich vermute, dass sie nicht nur mit vollen Taschen, sondern auch mit neuen Informationen und Geschichten zurückkommen wird. Ich bin sehr froh, dass ich sie an meiner Seite weiß, denn sie hat mit Menschen ein Händchen, das mir völlig fehlt. Manchmal frage ich mich, warum sich die Crew so schnell mit einem jungen Mädchen an ihrer Spitze arrangiert hat. Und dann hoffe ich, dass ›Captain Storm‹ sie nicht enttäuscht.
Logbuch der Bezebel, elfter Eintrag des Captains
Noch als ich den letzten Eintrag schrieb, einen Becher guten Rum neben mir und schon im Nachthemd, klopfte es an meiner Tür. Als ich die Tür öffnete und Juris entsetztes Gesicht sah, verflog jeder Ärger, der sich vielleicht bemerkbar gemacht hatte, sofort. Mein Bootsmann war zwar mächtig angetrunken, aber ganz offensichtlich auch in echter Not. Nachdem Ambrose und ich ihm einen starken Kaffee eingeflößt hatten, begann seine Geschichte langsam Sinn zu machen:
Er und Fletcher seien schnurstracks ihres Weges gegangen und hätten nur kurz gehalten, um eine Laterne zu entzünden, als sie von acht starken Männern angegriffen worden wären. Er selber habe fliehen können, aber Fletcher hätten die Kerle mitgenommen. Geistesgegenwärtig war Juri ihnen geschützt von Unsichtbarkeit gefolgt und konnte uns das Haus, in dem sie unseren Freund gefangen hielten erstaunlich gut beschreiben, wenn man seine Verfassung bedenkt.
Mein luftiger Gefährte Arthur konnte uns nach einem kleinen Erkundungsflug ziemlich genau beschreiben, womit wir es zu tun hatten, und schon machten wir uns an das Austüfteln eines Plans. Livia fehlte uns dabei und auch Knuckles war noch in der Stadt unterwegs, aber uns war klar, dass wir das Aspis Konsortium, das sich hier an uns rächen wollte, genau richtig anfassen mussten. Fletchers Leben durften wir nicht gefährden, unseren Ruf als mächtige Piraten – der doch gerade erst zu erblühen beginnt – nicht gefährden und dennoch versuchen, unsere Feindschaft zu dieser einflussreichen Gruppe in etwas anderes zu verwandeln.
Der erste Teil des Plans war simpel: Juri und ich schleichen uns unsichtbar in das Haus des Konsortiums und befreien Fletcher schnell und unauffällig. Der zweite Plan war sehr viel riskanter, aber ausgesprochen lohnenswert: Am nächsten Morgen würde ich als Kapitän, begleitet von meiner charmanten Nummer Eins und meinem starken Steuermann im hellen Tageslicht zurück an den Ort des Geschehens gehen und das örtliche Oberhaupt des Konsortiums nach draußen bitten. Auf eine Entschuldigung (ein wenig süffisant) sollte ein Klarstellen unserer Macht folgen (schlicht und einfach), gefolgt von einem Geschenk, das an Großzügigkeit seines gleichen suchen soll. Die Flagge des Konsortiums lagert schon am Mast des cheliaxianischen Schiffes. Wenn alles gutging, sollte Fletcher sie am nächsten Mittag im genau richtigen Moment hissen…

View
Alles begann mit einer besonders wohlgeformten Wolke

Das Meer erstreckte sich in seiner scheinbaren Unendlichkeit unter ihm und der Himmel in seiner tatsächlichen Unendlichkeit darüber. Schon seit einer unfassbar langen Zeit – es mochten wenige Sekunden oder schon ein paar Stunden sein, was das anging, war Arthur immer etwas verwirrt – tanzte er mit einer besonders wohlgeformten Wolke. So einer von der Sorte, die von weiter weg dicht und kuschelig aussahen, aber in denen man sich auch wunderbar verlieren konnte, die das Licht sanft brachen und noch sanfter im Wild segelten. Doch dann kam eine große Windböe, hatte nicht mal die Höflichkeit, sich vorzustellen, und zerfetzte das wunderbare Gebilde.
So fiel Arthurs Blick nach unten, auf das kleine Boot, das lustig auf den Wellen hüpfte. Weiter hinten segelte ein großer Fischschwarm durch das Wasser und hinter ihm lag die unheimliche Insel mit den vielen düsteren Höhlen. Wenn Arthur einen Rücken gehabt hätte, wäre es ihm schon bei der Erinnerung daran kalt darüber gelaufen. Aber richtig, das Boot. Darin saßen ein paar von diesen solide und irgendwie ulkig geformten Wesen, die er in der letzten Zeit – das waren doch jetzt bestimmt schon ein paar Stunden, oder vielleicht sogar noch länger? – also, die er in letzter Zeit recht lieb gewonnen hatte. Besonders natürlich Min, die als einzige klug genug war, die Sprache des Windes zu sprechen.
Arthur ließ sich in einer eleganten Spirale herab gleiten und ließ es sich bei der Gelegenheit nicht nehmen, das Gefieder einer vorbeifliegenden Möwe neckisch zu verwuscheln und sich köstlich über ihren Schreck zu amüsieren. Lustiger Vogel. Aber richtig, das Boot. Genau. In letzter Zeit – er würde schätzen zwei, drei Jahre, es könnte aber auch weniger sein – hatte Min oft sehr niedergeschlagen ausgesehen. Und das, obwohl sie jetzt viel mehr nette Freunde hatte, als vorher in der stickigen Stadt. Die Frau, die die Luft so schön zum Klingen bringen konnte, der alte Mann, der sich fast unsichtbar machen konnte, der Bogenschütze, der seinen Pfeil immer genau richtig in den Wind zu legen verstand und der große stille Kerl, der scheinbar vor nichts anhatte. Und natürlich ihn selber, Arthur, der das Leben auf dem Meer ganz vergnüglich fand. Es müsste nur mehr Möwen geben.
Als ihn sein Flug nah an das Boot herangeführt hatte, tupfte Arthur ein paar Mal zum Spaß auf den kleinen Wellen auftupfen und fuhr dann durch Mins Haare. Das hatte sie gern. Sie unterhielt sich gerade mit ihren neuen Freunden und zwei weiteren Frauen, die sie alle zusammen aus der Höhle gerettet hatten. Arthur selbst hatte wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Rettungsmission, aber er war ein bescheidenes kleines Elementar und wollte das niemandem unter die Nase reiben. Oh, da war der Fischschwarm wieder! Und wenn sich das Licht so lustig in den Wellen brach, sah er fast aus wie eine wunderbar geformte Wolke. Versunken in die Betrachtung hörte Arthur nur am Rande die Stimmen der Leute auf dem Boot.
»So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen, wir können doch nicht ewig so Leben!«, das war seine Min, »Und ich glaube, ein großer Teil der Crew würde uns unterstützen, wenn wir etwas gegen Mr. Plug unternehmen würden.« Dann erzählte die Frau ohne Schuhe etwas von einer Freundin namens Rosie und dass sie sich Sorgen um Livia mache. Das erregte Arthurs Aufmerksamkeit, denn die Frau mit den Klängen hatte er auch gern. »Aber was sollen wir tun, ihn im Schlaf erdolchen?« »Kommen wir denn da nah genug ran?« »Livia vielleicht schon, aber das wird nicht schön…«. Was hatten die nur alle für ein Problem, wenn sie diesen blöden Mister Plug nicht mochten, sollten sie ihn doch einfach über die Reling schubsen.
»Also ich glaube«, das war wieder seine Min, »wir sollten Mr. Plug offen konfrontieren und der Mannschaft eine Alternative anbieten. Bis auf ein paar treue Lakaien steht doch keiner hinter unserem neuen Kapitän.« Erst sah sie aus und so entschlossen wie schon lange nicht mehr. Das gefiel Arthur. Vielleicht hätte sie dann auch bald mehr Spaß am Schifffahren und sie konnten an schöne Orte segeln. Den Rest der Unterhaltung bekam er dann kaum noch mit, weil er sich in warme Böen, wilde Tornados und laue Sommerlüftchen träumte.
Als Min ihr kleines Elementar in einer nachlässigen acht um ihren Kopf fliegen sah, musste sie trotz der Müdigkeit schmunzeln. Wo Arthur jetzt wohl gerade in seinen Gedanken war? Bekam er überhaupt mit, was mit ihr geschah? Manchmal schien er ihr wie ein weiser alter Mann und dann war er wieder wie ein wilder kleiner Junge, der nur Streiche im Sinn hatte. Es tat gut zu lächeln, auch wenn ihre Lage so ernst war. Nicht nur sie, sondern auch alle ihre Freunde waren nach den Abenteuern auf der Insel erschöpft und angeschlagen. Es war einfach furchtbar, was sie dort erleben mussten. Die Kämpfe mit den Gwendilos waren eine Sache, aber dem falschen Tod wieder und wieder zu begegnen, zu sehen, wozu diese Unmenschen aus Cheliax in der Lage waren. Dem musste jemand ein Ende setzten. Doch wer? Die Staaten rund um das Innere Meer waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hatten viel zu viel Angst vor der Großmacht. Nur die Piraten fügten den Schiffen der düsteren Nekromanten auf Jagd nach den Schätzen dieser reichen Händler immer wieder Schäden zu. Aber was von Piraten zu halten war, wusste sie ja jetzt.
Als das kleine Boot sich seinem Ziel immer weiter näherte schlich sich ein kleines ›obwohl‹ in ihre Gedanken. Nicht alle Piraten waren schlechte Menschen, nicht alle skrupellose Mörder. Nicht wenige hatten diesen Leben gewählt, weil ihnen nichts anderes übrig blieb oder hatten es, genau wie Min und ihre Freunde, überhaupt nicht freiwillig gewählt. Wie könnte es sein, wenn sie Mr. Plug wirklich besiegten? Wohin sollten sie sich dann wenden? Min hatte immer nur das Ziel gehabt, irgendwie wieder nach Hause zu kommen. Aber wollte sie das wirklich? Zurück zu Tanzstunden und Nachmittagskaffee? Zurück zu ihrem Vater, der ihr jeden Schritt vorschreiben wollte, aber als Botschafter für sein Land noch so gut wie nichts erreicht hatte? Und sogar, wenn sie in dieses Leben zurück könnte, wenn sie trotz ihrer neuen Kräfte, trotz der Gefahr, die sie jetzt darstellte, trotz der Tode, die auf ihr Konto gingen, sogar wenn sie wieder in den Schoß ihrer Familie aufgenommen würde – wohin sollten all die anderen Besatzungsmitglieder gehen? Konnten sie einfach aufhören, Piraten zu sein? Könnten sie nicht einen gemeinsamen Weg finden, der wirklich etwas bedeutete?
Doch noch bevor Min ihren Gedanken zu Ende denken konnten, waren sie am Schiff angekommen und Mr. Plugg warf eine Leiter zu ihnen herab. Nach und nach kletterten ihre Freunde nach oben, doch als sie sich über die Reling hieven wollte, lächelte der ›Kapitän‹ sein schmieriges Lächeln und sprach verächtlich auf sie herab: »Du nicht, Wetterhexe, du bleibst hier auf dem Meer, wo du hingehörst. Du bist eine Gefahr für jeden auf dem Schiff.« Da war er also, der alles entscheidende Moment. Min sah sich nach ihren Freunden um. Juri war wie verschwunden, aber sie wusste, dass das ein gutes Zeichen war. Fletcher griff nach seinem Bogen und Knuckles bekam diesen Gesichtsausdruck, der für die Männer vor ihm nichts Gutes verhieß. Livia stand stolz und schön vor Mr. Plug und rief »Ihr hättet uns töten sollen, als ihr die Gelegenheit dazu hattet!« wobei sie ihre Harfe in die Hand nahm. Und dann merkte Min, dass jetzt alle auf sie blickten. Warum denn auf sie? Während der ganzen Reise auf See hatte sie sich schwach und hilflos gefühlt, eingesperrt trotz der Weite des Meeres. Doch sie hatte auch neue Stärke gefunden und neuen Mut. Den musste sie jetzt zusammennehmen.
Es war genauso gekommen, wie sie es wollte. Eine offene Konfrontation, eine freue Wahl für jeden an Bord. Im Stillen dankte sie ihren Vater für all die kleinen Lektionen in Rhetorik und begann zu sprechen. Sie sprach von den Untaten des Kapitäns, von einer besseren Zukunft, die zum Greifen nah sei, von Freiheit, von Beute und von ehrenhaften Zielen. Und dann ging alles ganz schnell, ein riesiger Tumult brach los. Doch Min konnte nicht mehr sehen, wen ihre Worte berührt hatten oder wer sich gegen sie stellen wollte, denn Mr. Plug kam auf sie zu, griff sie an und stürzte mit ihr hinab ins Beiboot.
Wild sauste Arthur herbei und kam gerade noch rechtzeitig, um dem fiesen Kerl seine Peitsche aus der Hand zu hauen, als er auf seine Min fiel. Die Luft knisterte von Mins Magie und über ihnen klang Stahl auf Stahl, hörte man die Schreie der Angreife, die sich mit denen der Verwundeten mischten und den süßen Klang von Livias Harfe. Arthur sauste über das Schiff und wurde nicht schlau aus dem Gewimmel der der Menschen an Bord. Dort, das war doch ein Verbündeter? Und da, das war doch ein Fein? Gut, dann soll ihm der Wind hart ins Gesicht wehen! HA! Wieder saust er zurück zu Min und will ihr Mut zusprechen, dass sich der Kampf zu ihren Gunsten neigt. Sie hat sich unter dem schweren Mann hervorgeschoben, hastet auf die Strickleiter zu, ergreift sie und klettert an Bord. Kurz danach ist alles vorbei. Sie haben gewonnen! Fröhlich schwirrt Arthur um die dicken Schiffstaue, fährt Min durchs Haar und hüpft dann über die Köpfe der Seeleute um sie herum.
»Was soll mit ihm geschehen?«, fragt der dreiste Junge, der seiner Min immer vertraulich zuzwinkert. »Mit ihm geschieht genau das, was er mir antun wollte. Wir lassen ihn hier. Soll er doch auf der wunderbaren Insel sein Glück suchen, auf der er mich aussetzen wollte.« »Dann bist du jetzt der Captain?« fragt einer der Seeleute. Min dreht sich um und schaut den Mann ernst an. Captain? Sie? Was weiß sie schon vom Führen eines Schiffes? Andererseits aber – was könnten sie mit diesem Schiff erreichen? Was könnten sie bewegen? Sie könnten ein Stachel in der Seite der Nekromanten sein, die den falschen Tod in alle Gegenden der Welt trugen. Nicht mehr länger Beute, sondern endlich Jäger sein. Und dann lächelt Min, während eine besonders wohlgeformte Wolke über ihren Köpfen schwebt.

View
umoya ukucula

Die Flammen züngeln blau um die letzten Reste des kleinen Lagerfeuers, an dem der Ongumelaphi der Erumba, Iskaa, die ganze Nacht gesessen hat. Hier, auf einer kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels, fällt es ihm leicht, die Grenzen der Welten zu überwinden, Kontakt herzustellen, mit den Augen der Seele zu sehen. Doch heute Nacht ist sein Geist unruhig gewandert und hat keinen klaren Pfad gefunden. Jetzt ist er sich sicher, dass seine kleine blonde umzukulu nicht nur einen neuen Weg eingeschlagen hat, sondern auch in großer Gefahr ist.
Seine Hände umgreifen den Stab, dessen Verzierungen er selber in seinem langen Leben nach und nach geschnitzt hat. Ein kleines Gürteltier mit etwas verschobenen Proportionen ganz unten repräsentiert seine erste Jagd, ein schon geschickter hergestellter Knoten etwas weiter oben seine Hochzeit, besonders liebevoll gearbeitete Blüten seine drei Kinder, ein kraftlos geschnitzter Stern den Tod seiner Frau und noch weiter oben ein weiterer Knoten, anders als der erste und doch nicht weniger fest geschlungen. In den letzten Wochen hat er oft an den Freund seiner Seele gedacht, Odabio, den Magier ohne Magie, der weit fort in den Norden gegangen ist. So weit fort, um auf ihre kleine umzukulu zu achten.
Gedankenverloren streicht Iskaa mit der Hand über den kleinen Blitz, den er neben Odabios Knoten geschnitzt hat. Auch damals hatte er auf dieser kleinen Klippe gesessen und die ganze Nacht mit seiner umzukulu Min meditiert. Nunja, er hatte meditiert und die kleine Min hatte sich viel Mühe gegeben, ernst und erwachsen auszusehen und nicht einzuschlafen. Doch als es gerade begann, zu dämmern, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und ihr Blick ging in die weite Ferne. Und dann hatte sie in einer Sprache gesprochen, die Iskaa noch nie zuvor gehört hatte. Erst da war ihm aufgefallen, dass der Wind sie anders umwehte, als noch vor wenigen Momenten. Er kam nicht mehr aus Nordwesten, war nicht mehr kalt von der Nacht, sondern sanft und warm wie ein alter Freund. Mins lange blonde Haare wehten sanft um ihren Kopf und in den ersten Sonnenstrahlen des Tages leuchteten ihre blauen Augen wie die Blitze eines noch fernen Gewitters. Da wusste er, dass dieser Moment dazu bestimmt war, nicht vergessen zu werden.
Auf ihrem Weg zurück ins Dorf sprach keiner von ihnen, aber am Abend des gleichen Tages sahen sie sich erneut. Es war Mins zehnter Geburtstag und ihre ganze Familie war aus der Stadt gekommen. Iskaa war mit dem Mädchen in seine Hütte gegangen und hatte mit ihr in das heilige Feuer geblickt, dass seit der Urzeit von einem Ongumelaphi seines Stammes an seinen Nachfolger weitergegeben wurde. Er hatte dem Mädchen fest in die Augen geblickt und noch immer konnte er seine eigenen Worte hören: „Du bist jetzt eine Erumba, Min. Hast du in der letzten Nacht deinen Pfad gefunden?“ „Ich weiß es nicht, umkhulu. Ich habe gemacht, was du gesagt hast: Ich habe mir vorgestellt, wie ich den Weg des Kriegers gehe, den Weg des Fischers, den Weg der Weberin und viele mehr, aber keiner hat mich getragen. Doch dann…“ Sie war verstummt und hatte verlegen in die Flammen geblickt. Nach einer Weile hatte sie ihm fast trotzig in die Augen gesehen und weitergesprochen: „Doch dann ist mir umoya ukucula begegnet, dann hat der Wind zu mir gesprochen. Er hat mir von der Ferne erzählt, von Abenteuern, von der Freiheit. Er hat gesagt, wenn ich ihn in mein Herz lasse, wird er mit mir durch die ganze Welt fliegen.“ „Und, was hast du ihm geantwortet, umzukulu?“ Wieder hatte das Mädchen in die Flammen geblickt, doch hatte sich ihre Miene dieses Mal aufgeheitert, um dann ernst und entschlossen zu werden. „Ich habe ja gesagt, umkhulu. Ich werde den Pfad des Windes gehen, wohin er mich auch weht.“
Jetzt sieht Iskaa Min genau vor sich, hat den Klang ihrer Stimme im Ohr, fühlt ihre Hand auf der seinen, die noch immer den kleinen Blitz umfasst. Und dann ist er nicht mehr auf der kleinen Klippe in der Wärme Sargavas, sondern weit entfernt, in einer Höhle voll mit Wasser. Nein, kein Wasser, oder zumindest nicht nur. Iskaa watet in Leichenteilen, der Gestank der Verwesung beißt in seinem Rachen. Direkt vor ihm kämpfen alptraumhafte Wesen mit einer kleinen Gruppe Menschen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Und dann sieht er sie – seine kleine umzukulu Min. Ihre Haut ist unter Schmutz und Blut viel zu fahl, ein tiefer Schnitt an ihrem Oberarm nur notdürftig verbunden. Alles in ihm schreit, ihr zu Hilfe zu eilen, aber wie immer ist Iskaa nur ein Beobachter, zur Untätigkeit verdammt. Doch dann sieht er, wie Min lächelt und zuerst versteht er nicht. Doch, doch da, wo sie hinsieht, schimmert die Luft, bewegt sich in kleinen Wirbeln um sich selbst, knistert leise vor Energie. Und dann hört er sie wieder in dieser Sprache sprechen, die er nicht versteht, und eine tiefe Zufriedenheit kommt über ihn. Sie hat umoya ukucula wiedergefunden.
Als Iskaa auf der kleinen Klippe am Rande des lachenden Dschungels die Augen wieder öffnet, ist er sich sicher, dass es Min trotz allem gut geht, denn er weiß, dass sie ihren Pfad endlich wiedergefunden hat.

View
Imaginäre Flaschenpost Nummer 148

Lieber Großvater,
manchmal glaube ich, ich bin immer noch in dieser Kiste auf dem Deck des Piratenschiffs und schlicht und einfach durchgedreht. Anders kann ich mir kaum erklären, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. Es muss ein Albtraum sein. Schon seit Stunden waten wir durch immer neue Höhlen voller Unrat, Moder und Wesen, die zwischen Tod und Leben gefangen sind. Es ist widerlich. Und doch schien es der einzige Weg zu sein, unsere Crewmitglieder zu retten. Wenn man bedenkt, dass unter den Gefangenen unsere einzige Heilerin ist, vielleicht sogar der einzige Weg, diese verrückte Reise zu überleben.
Ich hatte dir ja schon lang und breit geschrieben, wie wir auf dem gekaperten Schiff gelandet sind und jetzt unter dem Kommando von Mister Plugg stehen. Es wird dich nicht überraschen zu hören, dass dieser Isilima nicht die geringste Absicht hat, das Schiff nach Port Peril zu steuern… das wäre auch zu schön gewesen. Stattdessen segelt er mit uns von einem Unwetter ins nächste und als wäre das noch nicht genug, hat er das Schiff nachts auf ein Riff gesteuert. Dort wurden wir von seltsamen Meerwesen angegriffen. Die Gwendolins gehen auf Oktopusarmen, sprechen eine rudimentäre aber uns völlig fremde Sprache und sind äußerst aggressiv. Wir mussten also wieder um unser Überleben kämpfen und ich habe versucht den Geist des Kriegers in mir erwachen zu lassen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Zumindest habe ich die Nacht genauso überlebt wie die meisten Menschen, denen ich mich auf diesem Schiff zugehörig fühle. Sandara war jedoch am nächsten Morgen genauso wenig auffindbar wie Sam.
Mit dem Auftrag, auf einer nahe gelegenen Insel Frischwasser zu besorgen, während das Schiff repariert wird, schickte der Möchtegernkapitän dann ausgerechnet Juri, Liam, Livia, Knuckles und mich los. Konnten wir so viel Glück haben und sich hier tatsächlich eine Fluchtmöglichkeit bieten? Zunächst wirkte die Insel wie ein Paradies, zumindest im Vergleich zu einem Leben auf einem Schiff mit skrupellosen Mördern und Folterern. Schon bald aber zeigte sie uns ihr hässliches Gesicht. Mit Mückenschwärmen, Riesenkrebsen und sogar mit den Gwendolins hätten wir uns vielleicht vorrübergehend arrangieren können, aber diese Unmenschen aus Cheliax waren vor uns hier und haben den falschen Tod auch in diesen Winkel der Welt gebracht. Seid wir wissen, dass er sich wie ein Fieber durch die Crew des gestrandeten Schiffen gefressen hat, betrachten wir alle unsere Mückenstiche mit neuer Sorge.
Doch wir schöpften auch neue Hoffnung, als Liam und Juri einen der Gwendolins vor ihrer Höhle mit Sams Hut posieren sah. Konnte es sein, dass Sam und Sandara nicht tot, sondern Gefangene der Wesen waren? Und könnte Sandara uns vor einem Schicksal als Ghoule bewahren? Wir mussten also alles tun, um die beiden zu retten. Und so landeten wir in dieser abscheulichen Höhlenwelt. Es kommt mir vor, als würden wir beständig im Kreis gehen und doch erkenne ich keine Biegung, keine Windung wieder. Tief in meinen Eingeweiden spüre ich die Verzweiflung wachsen. Durch die vielen Kämpfe und Entbehrungen der letzten Tage sind wir alle geschwächt und doch wissen wir, dass die härtesten Prüfungen dieses Tages noch vor uns liegen.
Mein Blick schweift von einem meiner Reisegefährten zum nächsten. Der alte Mann, dessen Hände magisch von jedem Kleinod angezogen werden und der jetzt fest den Rücken durchdrückt, damit wir ihm seine Erschöpfung nicht ansehen. Der freundliche Bogenschütze, der beim Anblick der Ghoule so erbleicht ist, als sähe er in ihnen viel mehr als nur eine Gefahr im hier und jetzt. Die schöne Sängerin, die auch voll von Blut und Schlamm noch Zuversicht auszustrahlen versteht, die uns alle etwas aufrechter gehen lässt. Und der unverwüstliche aber schweigsame Krieger, der schon in so vielen ausweglosen Situationen unsere Rettung war. Wenn ich schon in einem Albtraum gefangen bin, bin ich froh, diese vier bei mir zu haben. Und wenn du mich fragst, ob ich lieber zu meiner Tanzstunde möchte, als mich gemeinsam mit ihnen dem ‚Wal‘ zu stellen, der hinter jeder Biegung lauern kann: Auf gar keinen Fall! Ich muss wirklich verrückt geworden sein.

View

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.