Emindreda Odabio

More than meets the eye

Description:

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Eine junge Frau mit blonden Locken und blauen Augen in einfacher Kleidung aber mit aufrechter Haltung, die ständig ein zerlesenes Buch bei sich hat.

Bio:

Min tunkte ein Stück Zimtschnecke in ihren Tee und versuchte dabei, so konzentriert wie möglich zu wirken. Auch wenn ihr spontan hundert spannendere Dinge als Zimtschnecken eingefallen wären, war es doch ihr beste Chance, nicht in den Streit zwischen ihrem Vater und ihrem Großvater hineingezogen zu werden, der wie ein regelmäßig wiederkehrendes Naturphänomen mal wieder am Frühstückstisch tobte.
»Wenn das Kind lernen will, dann soll man es lassen – genug, dass sich mein eigener Sohn mehr für Frühlingsbälle und Jagdausflüge interessiert, als für Wissen und Weisheit!«, polterte ihr Großvater Enuel und strich dabei die Butter entschlossen durch die Scheibe Toast in seiner Hand. »Hat unser Haus nicht genug durch deine Suche nach ›Weisheit‹ gelitten? Wir waren politisch fast tot! Und Frühlingsbälle sind nun mal ein Teil der Politik in dieser Stadt. Aber woher willst du das wissen?«, hielt ihr Vater dagegen.
Wie so oft hatte es ganz harmlos angefangen und irgendwie war es ihre Schuld. Min hatte ihr Tanzstunde heute Nachmittag vergessen und sich mit ihrem Großvater verabredet, um an einem neuen Zauberspruch zu arbeiten. Als das beim Frühstück zur Sprache kam, begannen die beiden Streithähne ihren eigenen Tanz, einstudiert in vielen Wiederholungen und nur mit kleineren Variationen durchgeführt. Ihr Großvater beanspruchte jedes Mal das Recht, wenigstens ein Enkelkind in die hohe Kunst der Magie einzuführen und ihr Vater hielt jedes Mal dagegen, dass der Wahn Enuels das Haus Odabio fast in den politischen und finanziellen Ruin getrieben hätte. Jetzt müssten sie alle die Chance für einen Neuanfang nutzen.
Auch alle anderen Familienmitglieder kannten ihre Rollen in diesem Spiel: Mins Mutter hatte den Raum elegant verlassen, um in der Küche nach den gekochten Eiern zu sehen (was völlig unnötig war, kannte sich ihre Köchin Elith doch deutlich besser mit der Zubereitung der Speisen aus als ihre manchmal etwas weltferne Arbeitgeberin), ihr großer Bruder Nidan unterstütze mit Nicken und gelegentlichem Räuspern stumm die Position ihres Vaters und ihre ältere Schwester Ilael korrigierte den Sitz ihrer Locken in der Rückseite ihres Messers. Und Min, nun Min tunkte wie gesagt ein Stück Zimtschnecke in ihren Tee und hoffte, dass der Sturm sich bald legte – und dass ihr Großvater sich durchsetzen konnte und sie nicht zu dieser furchtbaren Tanzstunde musste, sondern mit ihm zwischen seinen staubigen Folianten verschwinden konnte.
Ihr Großvater bewohnte die Bibliothek des Hauses, die er bis auf das letzte Fleckchen vollgestellt hatte: Seine Bücher und Schriftrollen, die längst aus den Regalen herausgequollen waren, ein Schrank voller Tigel und Fläschchen für seine Experimente, ein großer Tisch mit Glaskolben und anderem Gerät und nicht zuletzt zwei alte ausladende Sessel vor dem überdimensionierten Kamin zwangen jeden Besucher dazu, sich geschickt und kreativ einen Weg durch den Raum zu bahnen. Min liebte es, mit einem dicken Buch auf dem Schoß vor dem Feuer zu sitzen und ihrem Großvater dabei zuzuhören, wie er von alten Sagen, Legenden, großen Magiern und fernen Ländern erzählte, während er munter verschiedenste Substanzen in seinen Glaskolben kochte und zwischendurch laut fluchte, weil das Experiment mal wieder nicht gelang. Eigentlich gelangen sie nie und Min hatte ihren Großvater auch noch nie Magie wirken gesehen – was vielleicht der eigentliche Grund war, warum ihr Vater das Treiben ihres Großvaters für Zeitverschwendung hielt. Für Min war es aber vielleicht genau das, was sie immer wieder in den vollgepackten Raum trieb, dieser unfassbare Luxus nicht gut angelegter, nicht genutzter, einfach genussvoll verschwendeter Zeit. Wobei, dieses eine Mal, da war etwas passiert, das sie sich selber noch nicht ganz erklären konnte. Vielleicht, wenn sie…
Min wurde hart aus ihren Gedanken gerissen, als sich die mittlerweile sehr gespannt klingende Stimme ihres Vaters an sie wandte: »… und das ist mein letztes Wort: Du gehst tanzen!«. Mist. Min wusste, wann kein Lamentieren, keine noch so gut gewählten Argumente, keine noch so schönen Worte ihren Vater umstimmen konnten. Dabei war er eigentlich ein ganz umgänglicher Mensch, zumindest für einen Vater. Aber wenn es eine Person gab, die ihn so richtig wütend machen und in die Ecke treiben konnte, dann war es Enuel: Und dieses Mal war es nicht zu ihren Gunsten ausgegangen. Aber vielleicht ließ sich ja doch noch etwas aus der verfahrenen Situation machen. Min warf Enuel einen entschuldigenden Blick zu und wendete sich dann an ihren Vater, ohne ihm direkt in die Augen zu sehen: »Gut, ja, ich verstehe das. Die Ballsaison beginnt ja auch bald und ich könnte wirklich noch etwas Übung brauchen…« – ihr Vater schnaubte zufrieden, ein gutes Zeichen! – »ich wollte mich deswegen nach dem Frühstück mit Lenare treffen, sie hat ein ganzes Set neuer Kleider nach der letzten Mode, die sie mir zeigen wollte… vielleicht kann man eins von meinen ja geschickt umschneidern?« »Lenare Molliano?«, fragte ihr Vater in deutlich versönlicherem Ton. »Mhhmmm.« Es war Min durchaus unangenehm, ihren Vater zu belügen, aber sie brauchte heute ringend ein wenig Zeit abseits seiner Erwartungen. Und wenn es schon nicht die Bibliothek war, dann würde es eben ihr zweitliebster Zeitvertreib werden. »Gut. Gut, Min. Das ist natürlich in Ordnung. Sie nur um drei wieder hier, wir wollen Meister Jonathan nicht warten lassen. Und du brauchst die Stunde sehr viel dringender als Ilael.« Min nickte erleichtert und glitt von ihrem Stuhl.
Bis zum ersten Treppenabsatz ging sie in würdevollen Schritten, dann nahm sie ihre Röcke in die Hand und rannte in ihr Zimmer. Dort warf sie die Corsage, die Röcke, ihre eleganten Schuhe, die Bluse und den großen Kamm aus ihrer Frisur aufs Bett, lockerte ihre Haare mit den Fingern und kroch unter ihr Bett. Mit langen Armen erreichte sie die Kiste am Kopfende und zog sie zu sich. Sie enthielt ihren vielleicht wertvollsten Besitz, auch wenn er sie nur das Taschengeld einer Woche gekostet hatte: Eine Haube, ein Hemd, ein paar Schuhe und ein schlichtes Kleid. All das hatte sie von ihrem Zimmermädchen Ella gekauft – und ihr Schweigen gleich mit. Schnell schlüpfte Min in diese fremde Hülle, stopfte ihre blonden Locken unter die Haube und schnappte sich den Weidenkorb, der unschuldig am Fenstererker stand. Aus ihrem Frisiertisch nahm sie noch schnell eine der beiden Geldbörsen (die leichtere und bereits ziemlich abgegriffene) und verschwendete keinen weiteren Augenblick. Dieses Mal nahm sie jedoch nicht die Haupttreppe, die sie am Speisezimmer vorbei führen würde, sondern schlich sich über die Dienstbotentreppe nach unten.
Sie begegnete niemandem und auch die Küche war leer, so dass sie sich unbemerkt aus dem Haus stehlen konnte. Die ersten paar Straßen waren die schwierigsten, denn hier kannte sie so gut wie jeder. Zwar stand das dritte Kind eines unbedeutenden Adligen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber der ein oder andere würde sie wahrscheinlich trotz der Verkleidung am Gesicht erkennen. Min zog sich also die Haube etwas tiefer in die Stirn, senkte den Kopf ein wenig und ging mit dem schnellen Gang derjenigen, die eine wichtige Aufgabe hatten und genau wussten, wo sie hin wollten. Mit jedem Meter, die sie sich aus ihrem Bezirk entfernte, wurde sie jedoch entspannter, ihre Schritte leichter und ein Lächeln breitete sich langsam aber sicher in ihrem Gesicht aus, das sie jetzt aufatmend in die Sonne hielt. So musste das Leben sein, wenn keine Tanzstunden, kein Benimmunterricht, keine langweiligen Jagdausflüge und keine öden Abende voll Gesprächen mit verzogenen Gören auf einen warteten. Naja, manche dieser Gören waren schon ganz in Ordnung und so mancher Ball ein netter Abend. Aber Min merkte mit ihren 19 Jahren immer mehr, dass sie in der Gesellschaft, der sie angehören sollte, nicht wirklich sie selbst sein konnte. Lach nicht zu laut, tanze nicht mit jedem, trink nicht mehr als einen Becher Punsch, iß nur ein paar Häppchen, knüpfe sinnvolle Freundschaften… all diese Regeln und Vorgaben nahmen ihr einfach die Luft zum atmen.
Durch ihre kleinen Ausflüge wurde das viel erträglicher. Bei ihrem ersten Spaziergang in Ellas Kleid hatte sie nur einen kurzen Blick auf den Markt des Händlerbezirks geworfen und war sofort wieder nach Hause geflüchtet. Aber mit jedem Mal hatte sie sich weiter vorgewagt, die Menschen beobachtet, zugehört, wie sie sprechen, versucht zu imitieren, wie sie gehen und langsam ein Gefühl für dieses andere Leben bekommen. Schon bald viel Min kaum noch auf, kaufte dies und das auf dem Markt – sie brauchte nichts davon, aber sie genoss einfach das Gefühl, dazu zu gehören. Mit großer Begeisterung probierte sie neue Redewendungen und Wörter, die sie aufschnappte und musste sich manchmal zu Hause ganz schön kontrollieren, um nicht in den aufregenden, wilden und rauen Ton der Straße zu verfallen. Bald schon war ihr der große Markt zu langweilig und sie stromerte im Handwerksviertel, am Hafen und in den kleineren Gassen herum. Hier war es nicht ganz so leicht, in ihrem Kostüm als Magd nicht aufzufallen, aber sie hatte das Gefühl, sich ganz gut zu schlagen. Sicher, manchmal fühlte sie sich beobachtet, ab und zu ran ihr ein kleiner Schauer über den Rücken und sie war froh, wieder sicher in die dicken Mauern ihres Zuhauses zurückkehren zu können. Aber genau das machte ja auch den Reiz aus…

Emindreda Odabio

Dead Man's Jest rabea_kohnen