Dead Man's Jest

Logbuch des Kapitäns - 4

Ich habe gerade einen Mann hinrichten lassen. Kaltblütig. Mittlerweile sind schon einige gestorben, die mir im Kampf gegenüberstanden, aber das war anders. Vielleicht musste ich mich aus deshalb übergeben, als ich wieder in meiner Kajüte war. Marindo hat den Eimer unauffällig mitgenommen, deshalb lieben Kapitäne ihre Schiffsjungen also so sehr. Ich wollte schlafen, aber die Sonne schien hell durch mein Fenster und wir haben so vieles zu erledigen und so wichtige Entscheidungen zu fällen, dass ich nicht zur Ruhe kam. Marindo kam mit einem heißen Grog aus der Kombüse wieder und obwohl ich zuerst skeptisch daran roch, hat er mir gutgetan. Aber von vorn.
Nach der wunderbaren Hochzeitsfeier von Agasta und Juri wurden wir heimtückisch überfallen und wissen immer noch nicht, was dahintersteckte. Isabella Inkskin Locke hat mit Hilfe eines Schiffes unter Captain Tresher versucht, die Lady des Rock zu töten. Oder ging es um etwas Anderes? Sie schien im Bunde mit den Sauagin zu stehen, aber auch das wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Mit vereinten Kräften gelang es uns jedoch, diesen Angriff zurückzuschlagen und die Hexe zu töten. Am nächsten Morgen saßen wir schon wieder beim Frühstück zusammen und ich frage mich, ob es jetzt immer so sein wird. Ob sich Kämpfe und Lebensgefahr in Zukunft regelmäßig mit neuen Freunden und gutem Essen kreuzen werden. Wir hofften bei der Suche nach unserem nächsten Ziel von Agastas Erfahrung zu profitieren und tatsächlich konnte sie uns eine interessante Spur zeigen.
Ihr erster Mann, Iron Bert Smythee, war wie besessen vom Schatz des Sirius Wolfe. Ich hatte den Namen noch nie gehört, aber Livia wurde ganz aufgeregt, hat kurz ihre Harfe gestimmt und dann sofort eine Ballade zum Besten gegeben. Sirius Wolfe war vor etwa hundert Jahren ein sehr mächtiger Pirat, der kein Interesse an der Stormcrown hatte, aber reichlich Beute gemacht hat. Er war der dunklen Magie verfallen und hat einen Pakt mit einem Dämon, einem Teufel oder einem anderen mächtigen Wesen geschlossen, der ihn nicht altern ließ. Die Stadt Thuvia hat er am helllichten Tag angegriffen, ihre Flotte im Hafen verbrannt und viele Gefangene genommen. Ein Minenschiff der Katapeshi machte ihn unfassbar reich, bevor ihre Rache ihn das Leben kostete. Seinen Schatz hat er aber vorher versteckt und der größte Teil davon soll in der sogenannten ‚Mancatcher Cove‘ liegen und wurde noch nicht gefunden. Iron Bert nun hat alle Spuren, die er finden konnten auf die Haut seiner Frau tätowieren lassen.
Es war schon eine seltsame Situation, wie wir alle bei Kaffee und Gebäck saßen und die Lady of the Rock vor uns ihre Hüllen fallen ließ, aber bald waren wir so tief im Knacken des Rätsels verstrickt, dass wir die nackte Haut unter der Tinte kaum noch wahrnahmen. Oder zumindest ging es mir so. Einige zusammenhängende Verse weckten unser Interesse und wir vermuteten, dass Iron Bert wichtige Informationen in ihnen kodiert hatte. Tatsächlich erwiesen sie sich als Rätsel für die vier Begriffe ‚Krake‘, ‚Stormcrown‘, ‚Heimat‘ und ‚Vulkan‘. Wir holten unsere große Seekarte und fanden bald schon Orte in den vier Ecken dieser Gegend, die ihnen entsprachen. Die Stormcrown hat ihren Sitz in Port Peril, Iron Berts Heimat ist der Rock und zwei berühmte Inseln – eine krakenförmig, eine mit großem Vulkan, ergaben vier Punkte für zwei sich kreuzende Linien. Konnte im Schnittpunkt die Mancatcher Cove liegen? Immerhin war die kleine Inselgruppe, die dort liegt relativ groß über den Bauchnabel unserer Gastgeberin tätowiert und das östlichste Fleckchen des Archipels besonders markiert worden. Wir konnten den Schatz von Sirius Wolfe schon förmlich vor uns sehen! Sogar Agasta war so überzeugt von unserer Lösung, dass sie am nächsten Morgen mit uns in See stach.
Vielleicht hätte sie sich das zweimal überlegt, hätte sie geahnt, auf was für eine Reise sie sich da begab. Die erste Woche verging relativ ruhig, aber dann reihte sich ein seltsames Ereignis an das andere. Fletcher ist sich sicher, die Island oft he Dawn im ersten Morgenlicht gesehen zu haben. Wir fuhren zwar entschlossen weiter, aber ich habe die Stelle mal auf unserer Karte vermerkt. Wenig später trafen wir auf eine Gruppe schiffbrüchiger Rahadoumi und brachten sie nach Alenduran Harbour, wo wir zumindest ein kleines Sümmchen für ihre Rettung erhielten. Vier der Händler beschlossen, sich uns anzuschließen. Doch wie sich zeigte, bleibt keine gute Tat ungesühnt.
Auf dem Weg dahin trafen wir auf Afruga den Djinn, der einen Handel mit Juri abschloss und bei der Weiterfahrt fand der alte Mann unseren kleinen Marindo als schwarzen Passagier zwischen der Fracht. Doch das waren nicht die seltsamen Ereignisse. Seltsam war, dass die geschickte Badger so übel aus der Takelage stürzte und der aufmerksame Fletcher bei seiner Nachtwache einschlief. Seltsam war auch, dass im Lager ein Feuer ausbrach, das wir uns nicht erklären konnten. Als eins unserer Crewmitglieder ermordet aufgefunden wurde, waren wir uns jedoch sicher, dass etwas sehr gründlich falsch lief.
Simara war ein junger Gnom und sie arbeitete bei Ambrose als Küchenmädchen. Alle hatten sie gern und besonders mit Kit dem neuen Jungen hatte sie sich richtig angefreundet. Wer würde sie erstechen? Ich hatte keine Ahnung, doch mir war klar, dass ich ein solches Verhalten an Bord meines Schiffes nicht dulden konnte. Der Dolch in Simaras Rücken war rahadoumisch und das machte uns Sorge, denn nach dem Brand im Lager hatte Crimson Cogwart einen der neuen Rahadoumi bezichtigt, das Feuer gelegt zu haben und so heftig gegen die Gruppe gewettert, dass Livia ihm disziplinarische Maßnahmen androhen musste… Konnte dies ein plumper Versuch sein, uns zum Handeln zu zwingen?
Wir ließen keinen Weg ungenutzt, die Sache aufzuklären. Fletcher und Juri durchsuchten das Boot und wir fanden Blutflecke oben am Rettungsboot. Livia beschwor einen Spürhund, der Simaras Blut auf Shivikas Stiefeln fand. Um für diese Suche freie Bahn zu haben, hatten wir die ganze Crew zu einer Feuerschutzübung an Deck antanzen lassen und Shivika gestand vor allen den Mord und ihre Absicht, damit die Rahadoumi zu diskreditieren, die heimlich eine Meuterei planen würden. Was sollten wir damit anfangen?
Ich nahm mir den ältesten Rahadoumi, Vasjell Ibn Mahar, und Crimson persönlich vor, aber das führte zu nichts. Auch Sandara und Agasta, die bei den Gesprächen anwesend waren, konnten keine klare Vorstellung von den Machenschaften der einen oder anderen Seite entwickeln. Dass anscheinend ein rahadoumischer Dolch aus unserem Waffenarsenal beim Brand entwendet wurde, machte die Sache nicht einfacher. Juri und Fletcher fanden wenig später ein ganzes Waffenarsenal aus unseren Vorräten in der Bilge versteckt, bei dem auch mehrere Flaschen eines Giftes lagen.
Dass dieses Gift seine Opfer schläfrig macht und in unser Rumfass gekippt worden war, dass Simara dazu freien Zugang hatte und ihre Freunde an Bord vor dem Genuss von Rum gewarnt hatte, dass auch die von mir verhörte Shivika eine Verbindung zwischen den Rahadoumi und Simara herstellte… all das erhärtete unsere Befürchtung, dass wir es hier tatsächlich mit einer handfesten Meuterei zu tun hatten. Gerade, als wir die Rahadoumi festsetzen wollten, stürmte Jack in unser Treffen und sagte uns, dass eines unserer Rettungsbote verschwunden sei. Eine kurze Prüfung der Mannschaft ergab, dass alle sieben Rahadoumi mit ihm das Schiff verlassen hatten. Wir wägten unsere Möglichkeiten gegen die Risiken ab – wurden wir von den Rahadoumi aus Alenduran Harbour verfolgt? Und wenn ja, wann wäre ihr Schiff da? Konnten wir riskieren, die Geflohenen zurück zu lassen oder würden sie das Ziel unserer Reise verraten? Wussten unsere Verfolger vielleicht sowieso schon, wohin wir wollen?
Wir fanden das Beiboot am Strand einer nahen Insel und beschlossen, die Saboteure zu stellen. Wir gaben Shivika die Chance, ihr Fehlverhalten wieder gut zu machen, indem sie unsere Mission unterstützte und sie nahm das Angebot sofort an, auch wenn ich ihr sagte, dass sie auf dieser Insel bleiben würde. Sie begleitete also Juri, Knuckles, Livia, Fletcher und mich. Auf der Insel angekommen flog ich auf der Suche nach ihrem Lager durch den Jungle und sorgte für ein wenig Ablenkung. Trotzdem war es ein harter Kampf, denn wir hatten es nicht mit bloßen Händlern, sondern ausgebildeten Kriegern zu tun. Vasjell selber war sogar in der Lage, blutrünstige Affen zu beschwören, die Fletcher fast das Leben kosteten.
Doch am Ende musste er sich geschlagen geben, seine Männer tot und er von Livia gefesselt und überwältigt. Gerade habe ich ihn hängen lassen. Ob Shivika wirklich auf der Insel geblieben ist, weiß ich nicht. Denn als ihr Leichnam verbrannte, schien es mir, als sei ihr Geist aufgestiegen und vom Wind fortgeweht worden an einen glücklicheren Ort. Uhambo Olumnandi, gute Reise dir und uns.

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rabea_kohnen

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